Deutschland auf dem Weg in die Anstalt. Wie wir uns kaputtpsychologisieren

Deutschland auf dem Weg in die Anstalt. Wie wir uns kaputtpsychologisieren
mit einem Vorwort von Wolfgang Clement

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Münster: Solibro Verlag

1. Aufl. 2015 [Klarschiff Bd. 6]
ISBN 978-3-932927-90-4
Broschur; 20,5 x 13,0 cm
160 Seiten;
14,80 Euro (D)
Originalausgabe

als E-Book: eISBN 978-3-932927-91-1 (epub)
9,99 Euro (D) 2015
Aus dem Inhalt:
Partnerschaften, in denen die Beziehung ständig thematisiert und pausenlos psychologisiert wird, sind erfahrungsgemäß die schlechtesten. Dabei ist Reflexivität nicht grundsätzlich schlecht. Doch wird sie in unserer postmodernen Gesellschaft maßlos übertrieben. Eine uferlose Reflexivkultur ist entstanden. Das Ergebnis sind überdrehte Zeitgenossen, die mit ihrem ständigen Psychologisieren und Problematisieren nicht nur nervtötend sind, sondern auch wichtige Entscheidungen blockieren. Ob im privaten Umfeld oder in der Politik: Eigene Befindlichkeit geht vor Gemeinwohl, Subjektives sticht Tatsachen, Wohlfühl-Diktat schränkt individuelle Freiheit ein. Burkhard Voß, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, schildert in essayistischer Form, wie systematisch eine ganze Gesellschaft erst durchpsychologisiert und dann psychopathologisiert wird. Den Nährboden für diese ungesunde Entwicklung sieht er historisch bereitet durch Psychoanalyse, postmoderne Philosophie sowie die Gender-Mainstreaming-Ideologie. Leitend sind dabei die Mythen der Reflexivkultur, wie etwa “Alle Menschen sind gleich”, “Wir müssen achtsam sein” oder “Wir müssen wertschätzend miteinander umgehen”. Aber auch Maximen wie “Burnout ist eine ernstzunehmende Krankheit”, “Psychische Erkrankungen nehmen zu” oder “Trauern braucht psychologische Unterstützung” werden entlarvt. Unter Reflexivkultur versteht Voß die Überhöhung und kultische Verehrung des reflexiven Denkens, das die Aufmerksamkeit von der Umwelt auf das eigene Selbst lenkt. Im Übermaß auf selbstverständliche Lebensprozesse angewandt, kann das reflexive Bewusstsein zersetzend wirken. Im wahrsten Sinn des Wortes sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Das Natürliche und Selbstverständliche wird zu Grabe getragen. Künstliche Probleme sprießen hervor. Im Extrem steht die Reflexivkultur selbst Psychoterror in nichts nach. Denn den Bürgern werden gebetsmühlenartig Partialsichtweisen aufgedrängt, die als herrschende Meinung ausgegeben werden, aber einer kritischen Überprüfung nicht standhalten – eine reale Gefahr für Demokratie und Freiheit. Voß ruft uns deshalb zu: Schluss mit der Therapiegesellschaft! Und nehmt Euch selbst nicht mehr so wahnsinnig wichtig. Denn eine Gesellschaft, in der sich jeder dauersensibel seine Privatwirklichkeit zurechtzimmert und immer größere Gruppen nicht mehr miteinander reden können, ist in einer Sackgasse gelandet. Jenseits der Reflexivkultur wird es wieder um Projekte und Ideen gehen und nicht darum, wer was wann gesagt und wie gemeint hat. Zielgruppe: Kritische Menschen, die nicht dem Zeitgeist hinterherhecheln und sich zudem für Politik, Kultur, Psychologie und Medizin interessieren.

 

 

Es ist schon etwas her, dass ich ein Buch allein wegen seines Titels und wegen seines Inhaltes lesen wollte. Deutschland auf dem Weg in die Anstalt: Wie wir uns kaputtpsychologisieren.von Burkhard Voss ist eines dieser intuitiv ausgewählten Bücher in meinem Regal und es wirklich fertigbrachte mich einen ganzen Abend und die Nacht ohne die üblichen und menschlichen Unterbrechungen zu lesen.
Um ehrlich zu sein, suchte ich Antworten auf Fragen, die sich seid etlichen Jahren und Monaten in mir aufstauten. Fragen nach dem Grund, warum einige einer Mitmenschen ewig irgendwelche Wehwehchen vorschieben, keine andere als die eigene Meinung zulassen und besonders warum es nur noch wenige Menschen gibt die eigenständig denken können oder auch wollen. Wie auch immer, klar ist mir schon lange, eigentlich ist Deutschland nichts anderes als eine große Irrenanstalt!

Mein Fazit:
Burkhard Voss meint, wir würden uns kaputtpsychologisieren.
Der Autor Mediziner mit einer Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie muss es also wissen. Das ganze Elend, dass uns letztlich in die nationale Irrenanstalt namens Deutschland bringen wird, hat er in der sogenannten Reflexivkultur ausgemacht. Darunter versteht er die Überhöhung und kultische Verehrung des reflexiven Denkens, welches die Aufmerksamkeit von der Umwelt auf das eigene Selbst lenkt. Grundsätzlich – so der Autor – wäre ein solches Denken gelegentlich nicht von Übel. Allerdings wird es zum Gift, wenn man es ständig und aus Prinzip tut. Laut Burkhard Voss sind wir inzwischen genau dort angelangt. Dies ist eigentlich kein Wunder. Denn wenn wir einfach mal hinterfragen warum gerade die Coach-Banche so sprunghaft steigt bemerken wir wie sehr wir doch fremdbestimmt und immer weniger in der Lage sind selbst zu wissen was für uns persönlich gut und richtig ist.

Die drei Säulen dieser Reflexivkultur hat der Autor wie folgt ausgemacht:
Psychoanalyse, die keine wissenschaftliche Grundlage besitzt würde und mit der alles und jeder psychopathologisiert werden kann.
Postmoderne Philosophie,von Fakten und Empirie verabschiedet und mit mathematischen und physikalischen Begriffen hantierend nur noch wirres Zeug von sich gibt. Schlußendlich das Gender-Mainstreaming, eine Pseudo-Theorie, welche uns einreden will, dass es keine biologischen Geschlechter gäbe. Ganz besonders die dritte dieser Säulen empfinde ich persönlich als mehr wie gefährlich. Sie betrifft die offizielle Politik der EU und kaum einer merkt es oder besser will es bemerken.

Kann man also deshalb sagen, wir würden uns kaputtpsychologisieren?
Ist es nicht vielmehr so, dass gerade an dieser Stelle deutlich wird, dass diese Kreise überproportional dort vertreten sind, wo öffentliche Meinung erzeugt werden soll oder wo praktische Politik gemacht wird?
Wie auch immer man das sehen mag – das Buch liest sich nicht nur hervorragend, es ist auch sehr amüsant. Auch für den Teil der Menschheit, der nichts mehr hinterfragt ist hervorragend gedacht. Der Leser wird nahezu ständig mit Parolen konfrontiert. Parolen, die aus den täglichen medialen Verkündungen bekannt sind und vielleicht gerade aus diesem Grund nicht mehr hinterfragt werden, da sie in Dauerwiederholungsschleife inzwischen als “Wahrheit” etabliert sind.

“Mythen der Reflexivkultur” entlarvt der Autor im zweiten Teil seines Buches, nachdem er vorher die Theorie und die Ahnen der Reflexivkultur vorgestellt hatte.

Wer hingegen glaubt, dass wir “wertschätzend miteinander umgehen müssen”, dass “alle Gspräche auf Augenhöhe stattfinden sollten”, dass “alle Entscheidungen transparent sein und unter Beteiligung aller getroffen werden müssten”, dass wir “alle Menschen aus Afrika großzügig bei uns aufnehmen sollten”, dass “alle Menschen gleich wären” und dass “psychische Erkrankungen zunehmen”, der sollte besser Abstand von dieser Lektüre nehmen.

Das Buch enthält am Ende auch noch einige lustige Kapitel über die Deutschen in der Welt, den dauerreflexiven Hypersensitivismus und seiner Sprache sowie über das Schizophrene der Postmoderne.

Alles in allem ein sehr unterhaltsames Buch, wenn man wieder einmal über die moderne Welt lachen möchte und es auch noch kann sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

 

 

Über den Autor:
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Dr. med. Burkhard Voß (* 1963) studierte von 1985 bis 1991 Medizin in Münster. Anschließend folgte die Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie. Von 2001 bis 2004 leitete Burkhard Voß den Sozialpsychiatrischen Dienst der Stadt Krefeld. Nach Erhalt der Zusatzbezeichnung Psychotherapeut arbeitet er seit 2005 in eigener Praxis als Arzt für Neurologie und Psychiatrie in Krefeld.
Das Leitthema seiner bisherigen Veröffentlichungen ist die Kritik der inflationären Ausweitung des Begriffes der psychischen Krankheit. Ein weiteres zentrales Anliegen ist sein Plädoyer für ein Modell lebenslanger Arbeit angesichts der demographischen Entwicklung.

Bibliografie: (Auswahl)
Deutschland auf dem Weg in die Anstalt (2015)
Der Ruhestand – das süße Gift (2013)
Kleines Lexikon psychologischer Irrtümer (2012)
Total Banane oder wie irre ist der Psychoboom wirklich? (2009)
Anatomie des Psychozirkus (2007)
Neurologie und Psychiatrie für Heilpraktiker (2004)

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