Zwischen Steppe und Sternenhimmel von Josefine Gottwald

Zwischen Steppe und Sternenhimmel von Josefine Gottwald

* Tag 2 des Neujahrskalender/ Text und Bilder Josefine Gottwald*

 

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Leseprobe:

Eisland

 

Flikka stapfte durch das knirschende Eis. Ein frostiger Wind blies durch ihre dichte Mähne und Lena musste sich ganz eng an ihren Hals drücken, damit ihr nicht so viel Schnee ins Gesicht wehte. Sie kletterten auf einem schmalen Pfad, der sich um einen Felsen wand und in das Tal führen sollte, das dahinter lag.

„Glaubst du, es ist wirklich hier heraufgestiegen?“, fragte Tristan hinter ihr und schaute ausnahmsweise von Krákas schwarzer Mähne auf. Als der Wind ihre Antwort verschluckte, musste Lena sich zu ihm umdrehen und blickte in zusammengekniffene Augen über einer Nase, so rot wie ihre eigene.

„Es kann nicht mehr weit sein!“, rief sie noch einmal und versuchte, ihm die Spuren zu zeigen, die sie im Schnee entdeckt hatte. Tristan nickte und umklammerte die Zügel mit seinen kalten Händen, während Lena ihre Stute weiter vorantrieb.

„Je eher wir es finden, desto schneller sind wir zurück!“, flüsterte sie in Flikkas Ohr. Das Pony schnaufte und kletterte immer höher hinauf. Als sie die Spitze des Berges

erreichten, ging es wieder ein Stück hinunter, zu einer windgeschützten Stelle, an der eine breite Felsspalte klaffte.

„Vorsicht, dort geht es weit runter!“, warnte Tristan, aber Lena ließ ihre Stute antraben und sprang einfach über die Spalte.

„Na, das kannst du wohl nicht, was?“, neckte sie Tristan, der unter seinem rot gefrorenen Gesicht wahrscheinlich ziemlich blass aussah. Aber er trieb Kráka voran und folgte ihr. Als sie auf der anderen Seite der Spalte landeten, blickte er in Lenas erschrockenes Gesicht.

„Na, das hättest du wohl nicht gedacht, was?“, grinste er zufrieden zurück.

„Still!“, machte Lena und legte den Handschuh an die Lippen. Tristan war beleidigt. Aber dann, als das Heulen des Windes für einen Moment nachließ, hörte auch er, worauf Lena lauschte. Ein dünnes „Määh!“ drang aus der Felsspalte zu ihnen herauf. Und dann noch einmal: „Määäh!“

Fast gleichzeitig sprangen sie aus den Sätteln und krochen vorsichtig auf dem Felsen entlang, bis sie das Lamm sahen, das mehr als eine Armlänge tief in die Spalte gerutscht war und nun feststeckte.

„Wir machen eine Schlinge!“, erklärte Tristan und lief zu seinem Pferd zurück, wo er ein dünnes Seil aus der Satteltasche holte. Gemeinsam knüpften sie eine Schlaufe, die sie vorsichtig zu dem Schaf hinabließen, bis sich das Seil um die Vorderbeine legte und Tristan und Lena die Schlinge festziehen konnten. Mit aller Kraft zerrten die beiden an dem Strick, aber das Lamm war schon ein halbes Jahr auf der Weide gewesen und hatte sich fett und schwer gefressen.

„Dummes, dickes Ding!“, schimpfte Lena. Sie stampfte verärgert mit dem Fuß auf, als sie merkte, dass ihre Kräfte sie verließen. Tristan sah sie ratlos an. Aber Lena beruhigte sich schnell wieder. Sie starrte zu den Pferden, die abseits im Schnee standen – Eisklumpen an Maul und Wimpern. Plötzlich hatte sie eine Idee. Lena stapfte entschlossen auf Flikka zu und knotete ihrem Pony das Seil am Sattel fest. Dann führte sie die Stute von der Spalte fort und Flikka zog das Schaf Stück für Stück nach oben.

Das Lamm schrie noch immer ängstlich, als sie es längst befreit hatten, und seine Beine waren wackelig, als könnte

es nicht glauben, dass es auf festem Boden stand.

„Super, Lena!“, lobte Tristan und klopfte ihr auf die Schulter. Aber Lena war das egal. Sie hatte die Nase voll

 

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Kurzvita

Josefine Gottwald wurde am 5. Februar 1988 in Jena geboren und wuchs in Altenberg im Osterzgebirge auf. Sie arbeitet als Redakteurin (unter anderem für das DRESDNER Kulturmagazin) und Autorin fantastischer und abenteuerlicher Bücher für Kinder und Jugendliche. Sie lebt mit ihrer Familie und einem Pferd in Dresden.

 

 

 

 

Vita Lovelybooks

Josefine Gottwald wurde am 5. Februar 1988 in Jena geboren und wuchs in Altenberg im Osterzgebirge auf. Die romantische Landschaft – Wälder, Felsen und Berge – inspirierte sie schon früh zu abenteuerlichen Geschichten: Ihren ersten Fantasy-Roman veröffentlichte sie mit 15 Jahren.

Nach dem Abitur studierte sie in Dresden Biologie und arbeitet heute außerdem als Journalistin im wissenschaftlichen und kulturellen Bereich. Sie schreibt unter anderem für das DRESDNER Kulturmagazin und leitet ihr eigenes Onlinemagazin unter www.ewigewelten.de, wo sie sich Themen der Fantastik, Historie und Abenteuerliteratur widmet.

In ihren Büchern beschäftigt sie sich am liebsten mit Emotionen und Charakteren, mit zwischenmenschlichen Dingen und gesellschaftlichen Problemen, aber auch mit Magie und Mythologie. Wenn sie nicht schreibt, macht sie Musik oder reitet stundenlang durch die Natur. Sie lebt mit ihrer Familie und einem Pferd in Dresden, aber wenn sie Zeit findet, reist sie um die Welt – immer auf der Suche nach neuen Geschichten!

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