WENN…Aus den Wassern vom Ashi-See von R. W. Yamamoto

WENN…Aus den Wassern vom Ashi-See von R. W. Yamamoto

(Tag 23 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder R. W. Yamamoto)

 

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Flughafen Haneda, Tokio, Japan

Zwischen dem Flughafen Haneda und der Stadt Kawasaki liegt die aufgeschüttete Insel Ukishima, auf der sich verschiedene Unternehmen der Chemiebranche angesiedelt hatten.
Wie ein dichter Wald standen Reaktoren, Schornsteine, Silos und Tanks dicht beisammen, dicke Schwaden aus weißem Dampf stiegen in den Himmel auf. An verschiedenen Stellen ragten Rohre in die Luft, an deren Spitze Gase abgefackelt wurden, die während der Produktion anfielen und nicht weiter verarbeitet werden konnten. In einem Wirrwarr aus Rohren und dick isolierten Leitungen zirkulierten unter teilweise sehr hohen Drücken und Temperaturen Rohöl, Vorprodukte chemischer Erzeugnisse, Treibstoffe und Gase.
Nur kurze Zeit nach dem Durchlauf der Bodenwelle nahm das Inferno seinen Anfang.
Quer über die Insel führte eine auf Stelzen errichtete Autobahn, die einen Teil der so genannten Aqualine bildete und angeblich erdbebensicher war. Der meterhohen Bodenwelle hatten die Pfeiler allerdings nichts entgegenzusetzen. Sie knickten ein, Teile der Fahrbahn zerbrachen und stürzten in die unter ihnen liegenden Anlagen. Dabei zerstörten sie viele Steueranlagen in den darunter angesiedelten Chemieunternehmen.
Der Kontrolle schlagartig beraubt, stiegen Temperaturen und Drücke in kürzester Zeit auf ein Maß, dem die Technik nicht standhalten konnte.
Sirenen ertönten, aber für eine geordnete Evakuierung der Mitarbeiter war es bereits zu spät.
In den schrillen Schrei der Sirenen mischte sich das Zischen von Wasserdampf, der unter hohem Druck aus Rissen in den Rohren austrat. Erste Anlagen entzündeten sich. Schwarze Rauchsäulen quollen über das Gelände, verdunkelten den Himmel und vergifteten die Luft. Bis zu einhundert Meter hoch loderten Flammen über den brennenden Anlagen. Gas- und Öltanks explodierten und sorgten für weitere Verwüstungen. Reaktoren schossen wie Raketen in die Höhe. Unkontrolliert veränderten sich die Flugbahnen, wenn die Energie nicht mehr ausreichte, um sie weiter in die Höhe zu treiben. Einer dieser Reaktoren kippte zur Seite und nahm direkten Kurs auf den Flughafen.
Eine Boeing 777 der japanischen Fluggesellschaft ANA, All Nippon Airways, setzte zur Landung auf Landebahn D an. Das Fahrwerk berührte schon fast den Asphalt der Rollbahn und die ausgefahrenen Landeklappen sorgten für zusätzlichen Auftrieb, den die Maschine bei der geringen Geschwindigkeit während der Landung benötigte.
Noch etwa fünf Meter über der Landebahn schwebend zog der Pilot die Nase der Maschine leicht nach oben, damit das Flugzeug mit dem Hauptfahrwerk aufsetzen konnte, als die Flugbahnen des Reaktors und des Flugzeuges sich in einem Punkt trafen.
Bevor ein Mensch überhaupt reagieren konnte, explodierte die mit 514 Passagieren und der Crew vollbesetzte Boeing.
Durch die Explosion wurden Teile des Flugzeuges weit durch die Luft geschleudert und trafen die in der Nähe parkenden oder wartenden Maschinen.
Flugzeuge, die gerade auf dem Weg zur Startbahn oder zu den Gates waren, wurden wie Spielzeug herumgewirbelt, als die Druckwelle über sie hinweg fegte. Nachdem sie wieder auf dem Boden aufschlugen, brachen dort weitere Brände aus, die Flugzeuge waren vollgetankt und das auslaufende Kerosin bot den Flammen reichlich Nahrung.
Was sich jetzt entwickelte, kam einem Inferno gleich. Es schien, als hätte eine Staffel B52-Bomber eine Ladung Brandbomben direkt über dem Flughafen abgeworfen.
Die Flammen ergriffen schnell die auf dem Vorfeld um die Flugzeuge stehenden Servicefahrzeuge. Deren Besatzungen warteten darauf, an und in den Flugzeugen die Arbeiten auszuführen, für die sie eingeteilt waren. Wenn diese Fahrzeuge wie eine Bombe explodierten, wurden die Menschen, die in ihrer Nähe standen, wie Puppen durch die Luft gewirbelt. Arbeitsgeräte und Trümmerteile schlugen Geschossen gleich in die Fassaden des Inlandsterminals und der Brücken zu den Flugsteigen ein, durch die die Passagiere zu den Maschinen gingen oder von dort zur Ankunftshalle gelangten. Die Flammen fraßen sich unaufhaltsam Stück für Stück vom Vorfeld an die Gebäude heran.
Die Druckwellen der Explosionen, die sich zu einem wilden Stakkato vereinigten, brachten alles zum Splittern, was aus Glas bestand.
Die Gangways aus Stahl, die die Flugzeuge mit dem Gebäude des Flughafens verbanden, verbogen sich in der Hitze der Flammen. Schwarzer Rauch quoll empor und nahm den wenigen Überlebenden nicht nur die Sicht, sondern auch die Luft zum Atem.
Die Hitze auf dem Flugfeld war unerträglich geworden, selbst der Beton warf erste Blasen. Kunststoffe entzündeten sich, aus abgesprengten Stutzen der Tankanlagen floss Kerosin auf das Vorfeld der Terminals und bot den Flammen neue Nahrung.
Kurz nach der Druckwelle der gigantischen Explosion, die sich ereignet hatte, kam die nächste Welle, diesmal jedoch nicht durch die Luft, sondern durch den Boden, riss den Beton auf und warf die Trümmer durcheinander. Die Bodenwelle ließ selbst die überschweren Flugzeugtransporter durch die Luft fliegen wie ein sanfter Wind eine Feder.
Der ovale Kontrolltower vom Flughafen Haneda machte einen Satz in die Höhe, landete wieder, bohrte sich einem Pfeil gleich in die Erde und stürzte dann von oben nach unten in sich zusammen, wie einst die Türme des World Trade Centers in New York.
Die dünnen Tragepfeiler, auf denen die ganzen Flughafengebäude ruhten, zerbrachen. Zwischen den Stützpfeilern unter dem Boden des Passagierbereiches in den Terminals befanden sich die Servicebereiche des Flughafens, ohne die ein so komplexes Gebilde gar nicht funktionieren kann. Von den Passagieren meist unbemerkt, schlängelten sich hier die langen Gepäckbänder unter den Flughafengebäuden hin und brachten Koffer und Taschen zu ihren Zielen. Daneben wurden hier die Shuttlebusse abgestellt, während sie für die nächsten Gäste vorbereitet wurden. Und in diesem Bereich hatten auch die Besatzungen der Servicefahrzeuge des Flughafens ihre Bereitschaftsräume.
Als die Pfeiler barsten, versperrten herabstürzende Trümmer der darüber liegenden Bereiche dem in den Räumen darunter wartenden und arbeitenden Personal die Fluchtwege. Die Fußböden der Querbauten des Terminals rissen auf oder brachen auseinander und Menschen, die sich bislang noch in relativer Sicherheit glaubten, stürzten in die Tiefe und in den Tod.
Im Inneren des Flughafengebäudes ertönten die Warnsirenen und forderten mit ihrem penetranten Ton alle Personen auf, das Gebäude auf schnellstem Wege zu verlassen.
Die Menschen in den Terminals begannen, um ihr Leben zu laufen. Sie ließen alles fallen, was sie in den Händen hielten. Die Sicherheitsbeamten und Angestellten, die ihren Dienst im Inneren versahen, versuchten alles, um Passagiere, Angestellte und Besucher trotz der aufkommenden Panik in geordneten Bahnen und vor allem ruhig aus dem Gebäudekomplex zu evakuieren. Den Bemühungen war kein Erfolg vergönnt, sie wurden von der Menschenmasse einfach zur Seite gestoßen oder umgerannt.
Langsam arbeiteten sich die Flammen ins Innere der Terminals vor. Sie griffen jetzt auch auf Bereiche über, in die nur Personal gelangte. Beißender, weißer Rauch füllte das Innere der Gebäude und erstickte die Personen, die nicht schnell genug fliehen konnten.
Menschen schrieen, Mütter versuchten, ihre Kinder zu retten und wurden dabei nicht einmal von ihren Männern und Vätern der Kinder unterstützt. Die Panik war absolut und das Chaos perfekt. Aber es sollte noch schlimmer kommen!
Als die Bodenwelle durch das Gebäude lief, riss sie alles zu Boden, was bis zu diesem Zeitpunkt noch standgehalten hatte.
Dicke Säulen aus Beton, auf denen zum einen das Dach ruhte und in denen auch Fahrstühle installiert waren, brachen und große Trümmerstücke rissen die langen Rolltreppen mit in die Tiefe. Von den Decken fielen Stücke der Verkleidungen und erschlugen weitere Menschen, Scherben der Dachverglasung und der Glaswände wirbelten durch die Luft und bohrten sich in Wände aus Beton und menschliche Körper, als wären beide aus weicher Butter.
Vor den automatischen Glastüren stauten sich die Menschenmassen. Alle wollten zur gleichen Zeit durch die gleiche Tür aus dem gleichen Gebäude ins Freie flüchten und nahmen sich so gegenseitig die einzige Chance, dem sicheren Tod zu entkommen.
Die Überdachungen der Eingangsbereiche rissen aus ihren Verankerungen, krachten auf den Fußgängerbereich und begruben dort weitere Opfer unter sich. Gleichzeitig versperrten die Trümmer den noch im Inneren des Gebäudes verbliebenen Passagieren und Gästen den letzten Fluchtweg.
Die Brücken, die sowohl die Gebäude der beiden Terminals des Inlandsbereiches als auch des Internationalen Bereiches miteinander verbanden, waren kurz nach dem Durchlauf der Bodenwelle zusammengebrochen und auf die Straße gestürzt. Auch die Brücken der Zubringerstraßen, die in mehreren Etagen übereinander lagen, hatten beim Einstürzen eine Vielzahl von Fluchtwegen versperrt.
Dadurch war es den Hilfskräften unmöglich geworden, zum Flughafen vorzudringen. Die Überlebenden im Flughafen waren auf sich selbst gestellt.
Die Parkhäuser, die man zwischen den Terminals errichtet hatte, existierten nicht mehr. Aus ihren Trümmern stiegen dichte Rauchsäulen auf und verdunkelten den Himmel. In der Luft hing der Geruch von verbranntem Gummi und auch der von verbranntem Fleisch war wahrzunehmen, gemischt mit den Dämpfen von Kerosin und Benzin. Dazu kam noch ein ganz besonderes Aroma, das man nur mit dem von faulen Eiern vergleichen konnte.
Das gesamte Flughafengelände glich einem Schlachtfeld. Nicht ein Gebäude war intakt geblieben. Es schien, als hätte eine Bombe allergrößten Kalibers ihr Ziel gefunden.

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R. W. Yamamoto wurde 1967 in Altenburg/Thüringen geboren.
Schon früh erkannte er seine Liebe zum Lesen, nur kurz darauf die zum Schreiben. Im Alter von 13 Jahren begann er mit den Arbeiten an seinem ersten Roman, der dann im Jahr 2014 mit dem Titel „Abgründe der Einsamkeit“ unter dem Pseudonym Maya del Moto im Selfpublishing erschien. In diesem Werk befasst sich der Autor mit den Auswirkungen einer Depression und seinem eigenen Weg aus der Erkrankung.
Er erlernte den Beruf eines Finanzbuchhalters, war aber ständig in der IT-Branche tätig.
Nach einem abgebrochenen Studium der Philosophie und Psychologie wechselte er in eine Nebenstelle eines weltweit agierenden Computerkonzerns, wo er in der Redaktion für die Firmenzeitschrift mitarbeitete.
Eine erste Veröffentlichung unter dem Namen „Tanzende Oberärzte“ erfolgte im Jahr 2000 in der inzwischen eingestellten Zeitschrift „Zucker“ des Medizin-Unternehmens Life-Scan.
Auch nach seinem Umzug nach Japan blieb der Autor dem Schreiben treu, allerdings wechselte der Ort der Handlungen von Deutschland nach Japan.
Von Japan aus veröffentlichte er sein Werk „Wie wär’s mal mit was Süßem?“, eine Sammlung seiner Erlebnisse als Diabetiker, und „WENN…Aus den Wassern vom Ashi-See“, in dem er sich mit den Konsequenzen einer möglichen Vulkanexplosion nahe Tokios auseinander setzt.
Der Autor schreibt hauptsächlich in drei Genres, die nicht im Mainstream der Zeit liegen, in denen es aber immer um Menschlichkeit und die Auswirkungen schwerwiegender äußerer Einflüsse auf die Psyche seiner Protagonisten geht. Daneben haben alle seine Werke in irgendeiner Form etwas mit dem Thema Diabetes zu tun, einer Krankheit, mit der der Autor seit seinem dritten Lebensjahr lebt.
Derzeit arbeitet der Autor an vier verschiedenen Projekten, unter anderem zusammen mit dem Lexikus-Verlag am Projekt „Hein Hannemann“.

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