DIE WAHREN HELDEN DIESER WELT

DIE WAHREN HELDEN DIESER WELT von T. Kelebek

(Tag 10 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder T. Kelebek)

 

Titelbild

 

KURZBESCHREIBUNG:
Ein herzerwärmendes Vorlesemärchen für kleine Kinder und große Erwachsene. Genau richtig für die winterliche „Kuschelzeit“!

„Haben die Menschen denn nicht alles was sie brauchen?“

Beunruhigt stellt der allmächtige Herrscher fest, dass auf seiner schönen Welt die Menschen immer unglücklicher werden. Da er sich diesen Umstand nicht erklären kann, holt er den kleinen Boten, damit er zur Erde reist und die Menschen beobachtet. Sogleich trifft er auf die Eitelkeit, die jedoch ihre eigene Art hat, den Menschen die Schönheit zu zeigen. Auch den Neid und den Zorn trifft er in bunter Gestalt an, doch weniger bunt sind die Lehren, die sie unter den Menschen verbreiten. Anfangs ist der kleine Bote ratlos. Wie soll er dem allmächtigen Herrscher die Situation auf der Erde schildern? Aufgeben kommt nicht in Frage und außerdem gibt es da auch noch die hilfreichen Engel mit ihren farbigen Wolken, welche mit ihrem Zauber in den Menschen Kräfte entfachen können, die eigentlich schon lange in ihnen schlummern…

Ein Märchen, erzählt wie damals, als noch richtige Märchen geschrieben wurden.

Leseprobe:
BEIM ALLMÄCHTIGEN HERRSCHER

Hoch oben über den Wolken wohnte der allmächtige
Herrscher der Welt in seinem prachtvollen Turm. Er
musste so hoch oben wohnen, damit er seine ganze
wundervolle Erde jederzeit, wenn es ihm danach
beliebte, überblicken konnte. Er war sehr stolz auf sein
Werk. Jeden Tag beobachtete er das bunte Treiben und
erfreute sich daran.
In letzter Zeit blickte der allmächtige Herrscher jedoch
traurig auf die Erde hinab. Es gefiel ihm nicht mehr, was
er dort sah. Mürrisch blickende Gesichter an jeder Ecke,
gelangweilte Kinder lungerten umher. Dafür sah er umso
mehr hektische Erwachsene, die die Straßen
entlangliefen, als wären sie auf der Flucht. Er konnte
nicht mehr die Freude des Lebens spüren. Die Heiterkeit
hatte sich wohl versteckt, auch die Gutmütigkeit ließ sich
nicht mehr blicken. Die Barmherzigkeit war schon lange
nicht mehr da und die Vernunft traute sich fast nicht
mehr gesehen zu werden.
Der allmächtige Herrscher schüttelte den Kopf, was war
nur mit der Welt geschehen? Hatten denn die Menschen
nicht alles, womit es sich gut zu leben lohnte? Er konnte
den Reichtum erkennen. Kostbare Schätze lagen in
greifbarer Nähe, doch den Leuten waren sie langweilig
geworden. Die Gesundheit begleitete sie auf allen Wegen und dennoch jammerten sie über jedes Ziepen
und jede kleine Überanstrengung ließen ihn ihre
Klagelaute vernehmen. Sie übertönten sogar die
Klagelaute der armen Tiere, die sie eingesperrt hielten
und achtlos ihren Tag überließen.
Nein, so konnte es nicht mehr weitergehen. Er musste
eine Lösung finden, sonst würde seine schöne Erde ein
Ort des Schreckens werden. So kam es, dass er den
kleinen Boten zu sich rief: „Kleiner Bote, du bist mein
getreuer Gefährte und bist mir immer gut zur Seite
gestanden. Mein Vertrauen in dich ist groß, denn auch
groß ist dein Herz und allein deine Schlauheit verlangt,
dass ich dich zur Lösung dieses Rätsels auf die Erde
schicke. Ich weiß, dass du herausfinden wirst, was die
Menschen so plagt und ihnen das Leben so sehr schwer
zu machen scheint. Die Dringlichkeit hat allerhöchstes
Ausmaß erreicht und so bitte ich dich, als letzten
Ausweg, bringe mir schnell Antworten, damit wir die
Menschen auf der Erde noch retten können.“
So begab sich der kleine Bote auf seine Reise. Als
Lichtgestalt sollten ihn die Menschen nicht erkennen.
Nicht einmal fühlen sollten sie ihn. Heimlich wollte er sie
beobachten, hinter das große Geheimnis ihres Unglücks
kommen.
Der kleine Bote wusste nicht, was ihn erwartete. Fast
verließ ihn der Mut, als er endlich auf der Erde
angekommen war. Seine leuchtenden Zehenspitzen
berührten die ersten Grashalme und die Sonnenstrahlen
kitzelten seine Schultern. Bunte Blätter wiegten sich
sanft im Wind. Prächtige Farben soweit das Auge blickte. Welch Schönheit diese Erde bieten konnte. Er
hielt kurz inne und atmete ein Stück davon ein.

DIE EITELKEIT
Lautes Gezeter riss den kleinen Boten aus seinen
Träumen. Erschrocken drehte er sich um und sah zwei
hübsche Mädchen laut schreiend in einem Hof auf und
ab laufen. Sie zerrten sich an den Haaren und an den
Röcken. Hühner flatterten auf und scheuchten davon.
Die Mädchen stießen sich an, sie pöbelten wie die
schlimmsten Wirtshausbrüder. An einem Eckpfeiler im
hintersten Winkel des Bauernhofes lehnte eine gar
seltsame Federgestalt, die schier amüsiert das Treiben
beobachtete. Das hämische Grinsen war nicht zu
übersehen, obwohl ansonsten die Gestalt einen sehr
gepflegten Eindruck machte. Das bunte Gefieder
schillerte nach allen Seiten, es war wunderbar
anzuschauen. Einzig der kräftige Schnabel konnte
bestimmt böse Wunden zufügen und das boshafte
Gelächter der Gestalt ließ auch keinen Zweifel daran,
diesen zu gebrauchen.
Neugierig geworden, ging der kleine Bote auf die
Federgestalt zu. Mit langsamen Schritten, um
niemanden zu erschrecken. Doch der kleine Bote war
bereits entdeckt worden. Von oben herab musterte ihn
die Gestalt mit einem kurzen, unfreundlichen Seitenblick
und krähte sogleich: „Was suchst du hier in meinem
Hof?“ „Ich bin der kleine Bote. Ich habe mich auf die
Reise gemacht, um die Menschen besser verstehen zu lernen. Und wer bist du?“ Die Federgestalt erwiderte
nicht ohne Stolz: „Ich bin die Eitelkeit. Ich bin hier, damit
die Menschen wissen, was Schönheit bedeutet.“ Der
kleine Bote freute sich, dass diese Gestalt die Menschen
dazu brachte, die Schönheit der Erde zu erkennen: „Also
bist du hier, um diesen beiden Mädchen Einhalt zu
gebieten? Damit sie sich umsehen und entdecken wie
schön es hier ist?“ Die Federgestalt lachte laut gackernd.
Oh wie sie sich schüttelte und dabei ihre bunten
Gefieder rascheln ließ: „Durch mich ist der Streit erst
entstanden. Ich habe den Mädchen ihre eigene
Schönheit erkennen lassen und nun haben sie nur noch
Augen für ihr eigenes Spiegelbild. Eine will schöner als
die andere sein.“ Der kleine Bote sah, wie die Mädchen
aufeinander losgingen, sich am Boden wälzten und ihre
hübschen Gesichter gegenseitig in den Schlamm
drückten.
Der allmächtige Herrscher musste unbedingt sofort
erfahren, dass die Eitelkeit schuld an den Ärgernissen
der Erde hatte und der kleine Bote rannte zu der
Lichtung, wo er zuerst angekommen war. Da tönte ein
Hilfeschrei aus dem Wald. Nur Umrisse waren von der
Lichtung aus zu erkennen und so musste der kleine Bote
näher an den Waldrand gehen, um nachsehen zu
können…

 

 

ÜBER DEN AUTOR:
T. Kelebek wohnt mit ihrem Mann und den beiden Kindern einem kleinen Häuschen an einem grünen Stadtrand.
Gerne ein Mail an: t.kelebek[at]gmx.at Like me on Facebook / Twitter

Verlieb dich mal wieder … oder: Sex ist auch eine Lösung!

Verlieb dich mal wieder … oder: Sex ist auch eine Lösung! von Monika Baitsch

( Tag 9 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder von Monika Baitsch)

 

Cover Vorderseite final 7.06.2014

Klappentext:
Für alle Traumfrauen dieser Welt und die, die vergessen haben, dass sie Traumfrauen sind!

Marit, Anfang vierzig und festgefahren in ihrem Leben, fühlt sich machtlos ihrer Situation ausgeliefert. Das ständige Gerangel um einen Platz in der Gesellschaft, den permanenten Perfektionismus, um den Ansprüchen der anderen gerecht zu werden, die Wohlstandswettrennen mit anderen Müttern und nicht zuletzt noch die dauernden Drohungen ihres Mannes Tom, dass er sowieso bald ausziehen will. Um ihre Ehe zu retten, schließt sie mit Tom einen Deal: ›Verlieb dich mal wieder!‹. Sie hat die Hoffnung, dass sich die Schmetterlinge des Frischverliebtseins in ihre Beziehung tragen lassen. Nicht mehr und nicht weniger. Tom nimmt das sofort wörtlich und Marit zerbricht fast daran. Sie zieht kurzerhand die Reißleine und landet zufällig in einem Hotel im Schwarzwald. Sie hat das Gefühl sich selbst verloren zu haben. Wo war sie im Leben falsch abgebogen? Soll das nun ewig so weitergehen? Die Bekanntschaft zu dem Gestütsbesitzer Henning, aus der schnell mehr wird, und das kurze Intermezzo mit dem Schweden Viktor helfen ihr dabei, sich wieder zu finden. Und dann erscheint Tom während des Frühstücks im Hotel …

Verwirrende Gefühle, prickelnde Situationen und die Gewissheit, dass es anderen genau so geht, wie einem selbst. Die Frage ist jedoch: Ist Sex wirklich eine Lösung?

Leseprobe:

Prolog
Wir alle sind Traumfrauen!
Manchmal haben wir das nur vergessen. Verloren in der Mitte des Lebens – noch keine Midlife-Crisis, eher eine Sinnkrise. Verheddert in Wohlstandswettrennen, um zur Leistungsgesellschaft dazuzugehören und dem guten Ruf nicht zu schaden,
dem täglichen Einerlei, der fehlenden Anerkennung und der wichtigen Frage:
Wie soll ich alledem noch gerecht werden?

1.
Marit stützte die Stirn in die Hände. Sie waren schon wieder an dem Punkt, an dem sie in der letzten Zeit immer häufiger endeten. Tom, ihr Mann, hatte gerade die Küche verlassen, weil er jeden Satz von Marit als Angriff deutete und jedes Gespräch im Streit endete.
»Das hat alles keinen Sinn mehr, ich ziehe sowieso aus«, hatte er ihr an den Kopf geworfen, sich auf dem Absatz umgedreht und war wieder in sein Büro gegangen. Es war immer so, dass er sie mit diesem Satz irgendwann stehen ließ.
Marit und Tom hatten sich vor vierzehn Jahren kennengelernt und zwei Jahre später geheiratet. Schon ein Jahr darauf kam Lukas zur Welt und keine zwei Jahre später Emely. Sie hatten ein kleines Haus gekauft, Tom hatte einen guten Job als Immobilienmakler und arbeitete zu den verrücktesten Zeiten und Marit, ja, Marit passte sich den Gegebenheiten an.
Immer öfter hatte sie das Gefühl, dass sich das komplette Universum um alle anderen drehte, aber sie ständig auf der Strecke blieb. Früher war sie als Einkäuferin einer Modefirma selbst immer auf Reisen gewesen, und heute saß sie in ihrem kleinen Haus, fuhr einen Kleinwagen, wusch, kochte, kaufte ein, kümmerte sich um die Hausaufgaben ihrer Kinder, trug ihnen die Sachen hinterher und präsentierte möglichst perfekt das Bild einer glücklichen Mutter, Gattin und Hausfrau.
»So kann es nicht weitergehen« sagte sie zu sich selbst, gefolgt von einem tiefen Seufzer. »Warum haben wir uns nur so verloren? Was läuft hier nur so schief?«

Das Telefon klingelte. »Bohmann«, meldete sie sich.
»Haaaallo, ich bin’s!«, ertönte es zurück. Ausgerechnet! Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt. Ich bin’s hieß im richtigen Leben Elke und war ihre jüngere Schwester. Wenn sie erst einmal begonnen hatte zu reden, konnte es dauern.
»Du, Elke …«, versuchte Marit zu unterbrechen, aber Elke war schon in ihrem Element.
»Stell dir vor, was mir heute passiert ist …!« Marit gab den Versuch auf, Elke zu stoppen und brummte nur ein kurzes »Mhhh« in den Hörer. Wieso konnte man das eigentlich nicht in Rechnung stellen? Lebender Kummerkasten mit ultimativen Lösungsvorschlägen in allen Lebenssituationen. Stundenhonorar: 50 Euro. Wetten, dass keiner mehr so viel Zeit damit verbringen würde, ihr seine Probleme mitzuteilen und vor allem so oft und so lang und so intensiv und so detailliert …
»DU musst wissen, was du willst! Ich würde …!«
Marit biss sich auf die Lippen. Sie hatte sich fest vorgenommen, nicht mehr zu sagen, was sie jetzt tun würde!
Immer bekam sie zwei Tage später einen Anruf, der ungefähr so lautete: »Ich weiß jetzt ganz genau, was ich mache! Ich werde dies und das und jenes …« Nun war Marits Vorschlag exakt die Reaktion ihrer Schwester und diese war auch noch ganz alleine darauf gekommen! Und dann kam immer der gleiche Satz: »Ich bin da halt genau wie du!«
Elke redete weiter: »Was wolltest du gerade sagen?
Aber ich muss dich jetzt abwürgen, weil Marius aus dem Kindergarten abgeholt werden muss.« Abwürgen? Marit hatte nicht mal drei Sätze geredet! »Ja, mach’s gut – bis dann. Ach, was mir gerade noch einfällt!« Hatte sie nicht gerade noch gesagt, dass sie wegmüsse? »Wir wollen demnächst mal wieder Richtung Heimat. Habt ihr die nächsten Wochenenden irgendwann was vor oder ist es egal, wann wir kommen?«
»Wer ist wir?«, frage Marit vorsichtig und an das Schlimmste denkend.
»Marius – dein knuffiges Patenkind, ich kann dir sagen, der ist ja so süß! Vor kurzem hat er seinen Kopf nicht durchsetzen können, da hat er mir durch die Hose ins Bein gebissen, dass es geblutet hat.«
»Süß? Der hätte von mir direkt eine auf den Allerwertesten bekommen!«
»Nein, ich hab mit ihm geschimpft, aber er kann halt noch nicht reden und bekommt immer eine Wut, wenn man ihn nicht versteht.«
Marit unterbrach Elkes Redeschwall und fragte nochmal: »Wer wir?«
»Ja, eigentlich würden wir gerne mal wieder alle zusammen kommen, aber das kann ich dir ja nicht zumuten. Deshalb kommen wir, also Marius und ich, alleine. Meinst du, wir könnten das Kinderzimmer von Lukas haben – ein Gästezimmer habt ihr ja nicht mehr!«
Schwang da ein kleiner Vorwurf mit? Ja, wir haben kein Gästezimmer mehr. Und warum? -Weil wir – nein, weil ich gar nicht dauernd das Haus voller Gäste haben wollte! Und wenn mal jemand da schläft, soll es gar nicht so bequem sein, damit er auch nicht so lange bleibt!
Marit dachte das zwar, sagte aber: »Ich frage ihn mal. Aber ansonsten könnt ihr auch im Garten zelten.«
»Nee, dazu ist mir der Marius noch zu klein und ehrlich gesagt, mir ist es zu unbequem. Rede mal mit Lukas, es wäre superlieb von ihm.«
»Mach ich. Du musst los, Marius wartet.«
»Ja, mach’s gut!«, und schon war es still in der Leitung.
Marit atmete tief ein und wieder aus. Hatte sie irgendwo einen geheimen Stempel, den nur andere sehen konnten und auf dem Everybody‘s Depp stand? Ständig hatte irgendjemand aus der Familie irgendein Problem oder brauchte ganz dringend ihre Hilfe. Und sie reagierte aber auch immer schneller, als sie zu denken begann und war meist direkt mittendrin – in den Problemen der anderen. Ihre hingegen interessierten niemanden, schlimmer noch, es war so, als bemerkte sie nicht mal jemand.
Sie schaute aus dem Wohnzimmerfenster in den Garten.
Die Büsche mussten dringend geschnitten werden und die Terrasse geschrubbt, fiel ihr auf, aber dann kreisten ihre Gedanken wieder um ihr eigentliches Problem.
Sie wusste, dass sie sich verändert hatte. Sie wusste auch, dass sie nicht mehr die Frau war, die Tom kennengelernt hatte. Seit der Geburt von Lukas hatte sich einiges in der Beziehung geändert und die Prioritäten waren andere geworden. Ganz allmählich hatten sich Gewohnheiten eingeschlichen, über die niemand mehr nachdachte. Marit hatte das Gefühl, dass das Leben an ihr vorbeiging und sie nicht mehr daran teilnahm, zumindest nicht aktiv. Sie fühlte sich fremdbestimmt, unwichtig und hilflos. Aber was sollte sie tun? Sie setzte sich zurück an den Küchentisch. Was brauchte sie eigentlich? Was fehlte ihr? Wie fühlte sie? War ihre Ehe noch zu retten?
2.
Nachdem sie eine ganze Weile so dagesessen hatte, formte sich eine Idee in ihrem Kopf. Sie wollte wieder frisch verliebt sein, sie wollte dieses Gefühl wieder spüren, begehrt sein, Schmetterlinge im Bauch haben, sich schön fühlen. Tom ging es sicher auch nicht anders. Marit dachte zurück an die Anfangszeit ihrer Beziehung. Alles schien perfekt. Tom hatte gerne abends die lange Fahrt zu ihr in Kauf genommen, nur um ihr nahe zu sein. Sie hatten oft bis spät in die Nacht zusammengesessen und einfach nur geredet. Sie waren spontan und verrückt gewesen und ihre Endorphine hatten Rock’n Roll getanzt.
Alles, was sie gemeinsam anpackten, gelang und die Welt schien rosarot. Die Idee in Marits Kopf nahm immer konkretere Formen an.
Was wäre, wenn sie beide sich verlieben würden? Nicht ineinander, in jemand anderen? Würden sie das Gefühl in ihre Beziehung tragen können? Der Gedanke gefiel ihr, aber es war ihr auch bewusst, dass es tüchtig in die Hose gehen konnte. Noch ehe sie das Für und Wider abwägen konnte, stand sie auf und lief die Treppe zu Toms Büro hinunter.
»Tom, hast du einen Augenblick? Ich möchte dir einen Deal vorschlagen.«
»Was geht dir denn jetzt schon wieder im Kopf herum?« Tom schaute leicht genervt zu Marit, die in der Tür stehengeblieben war.
»Verlieb dich mal wieder. Was würdest du davon halten, dich frisch zu verlieben?«
Nun schaute Tom sie an, als hätte sie den Verstand verloren. »Ist alles in Ordnung bei dir?«
»Ich meine es ernst. Wir machen einen Deal. Jeder von uns beiden darf sich in irgendjemand verlieben! Vielleicht gelingt es uns, wenn wir dieses Gefühl wieder spüren, die Schmetterlinge in unsere Beziehung zu tragen und wieder zu uns zu finden.«
Tom schaute verwirrt.
»Ich meine es wirklich ernst. Keinen Sex, keine Knutschereien, nichts weiter, nur verlieben.«
Tom schaute ins Leere, sagte nichts, aber Marit konnte sehen, dass es in seinem Kopf arbeitete.
»Du hast nichts zu verlieren, du willst ja sowieso ausziehen und ich weiß, dass es auch völlig schiefgehen kann. Aber es ist vielleicht auch eine Chance«, versuchte Marit es nochmal.
»Okay, das ist zwar eine total durchgeknallte Idee, aber lass mich mal darüber nachdenken. Oder hast du schon einen anderen?«
»Nein, natürlich nicht!« Wie konnte Tom ihr das nur zutrauen und wann sollte sie auch die Zeit dafür haben?
Marit ging wieder in die Küche und gab Tom die Bedenkzeit, die er brauchte. Auch in ihr machten sich gewisse Zweifel breit.
Ob sie Tom nicht vielleicht ein wenig zu voreilig diesen Vorschlag gemacht hatte? Einige Zeit darauf betrat Tom ebenfalls die Küche, streckte Marit die Hand entgegen und sagte: »Hand drauf! Der Deal gilt!« Sie reichten sich die Hände und lächelten sich sogar seit langer Zeit mal wieder für einen kurzen Augenblick an.
Marit fiel auf, dass sich Tom relativ schnell entschieden hatte. Seit einiger Zeit schon bemerkte sie, dass er häufiger zu Terminen außer Haus war und befürchtete, dass er längst eine andere Frau kennengelernt hatte.
Marit dachte nicht länger darüber nach, denn die Kinder würden bald von der Schule nach Hause kommen und sie musste das Mittagessen vorbereiten.
Der Alltag trottete dahin, Marit und Tom gingen sich mehr oder weniger aus dem Weg und redeten nur das Notwendigste miteinander. Wie immer eben, sie lebten nebeneinander her und jeder ging seiner Arbeit nach.
Der geschlossene Deal war kein Thema mehr gewesen und Marit war sich nicht sicher, ob Tom sie überhaupt ernstgenommen hatte. Bis zu dem Moment, wo er, nach seinem besten After-Shave duftend, aus dem Badezimmer kam und rief: »Ich habe noch einen Außentermin. Kann spät werden!«, ehe die Haustür ins Schloss fiel. Marit lief es heiß und kalt den Rücken hinunter. Einen Außentermin in Jeans und Sakko? Das war nicht Toms typischer Kleidungsstil für Außentermine. Wie ferngesteuert räumte sie das Geschirr vom Abendessen in die Spülmaschine und sagte Lukas und Emely gute Nacht. Tom hatte einen Außentermin! Der Gedanke, dass er sich vielleicht genau jetzt mit einer anderen traf, tat weh. Sie schenkte sich ein Glas Rotwein ein und wollte es sich gerade mit einem Buch im Wohnzimmer gemütlich machen, um sich abzulenken, als es von der Treppen herunterrief: »Mama, ich hab Bauchschmerzen und mir ist schlecht. Ich glaube, ich muss brechen.«
»Auch das noch«, grummelte Marit, holte einen Eimer aus dem Besenschrank und ging nach oben. Emely ging es nicht wirklich schlecht. Sie wollte nicht alleine sein. Auch an den Kindern ging die schlechte Stimmung, die zu Hause herrschte, nicht spurlos vorbei. Marit stellte den Eimer vor Emelys Bett und legte sich zu ihr.
»Alles ist gut, Emely. Ich bleib ein wenig bei dir, versuche einzuschlafen«, bemühte sich Marit ihre Tochter zu beruhigen.
Emely kuschelte sich sofort dicht an Marit. Während sie Emely den Rücken kraulte, flogen ihre Gedanken immer wieder zu Tom. Wo er jetzt wohl wirklich war? Sie bereute fast, ihm den Deal vorgeschlagen zu haben. Es tat weh. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, war Tom eigentlich ein Traummann. Seine braunen Haare waren an den Schläfen schon leicht grau durchzogen und er konnte einen mit seinen braunen Augen anschauen, dass man hätte in Ohnmacht fallen können. Er war groß und hatte eine durchtrainierte Figur. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie sein regelmäßiges Fußballtraining häufig verflucht, weil er es nur in absoluten Ausnahme-situationen hatte ausfallen lassen, aber heute zahlte es sich aus. Er war nicht einer dieser Männer, bei denen sich der Bauch über dem Hosenbund wölbte. Sie schaute an sich hinunter. Auch sie hatte immer eine wirklich gute Figur gehabt, aber seit sie nicht mehr arbeitete, hatte sie sich viel weniger Zeit für ihr Äußeres genommen und sie war an einigen Stellen ihres Körpers ein wenig in die Breite gegangen. Die regelmäßigen Termine bei der Kosmetikerin waren irgendwann auch einfach in Vergessenheit geraten und dem Friseur war es egal, ob sie diese oder nächste Woche kam, um sich die Strähnchen in ihren schulterlangen, blonden Haaren auffrischen zu lassen. Sie schaute ihre Fingernägel an.
Früher hatte sie sie immer lackiert, wenigstens mit klarem Nagellack, aber heute war es schon mehr als bemerkenswert, wenn sie die gleiche Länge hatten.
Emely war inzwischen eingeschlafen. Vorsichtig erhob sich Marit und ging zu Lukas‘ Zimmer. Auch er schlief bereits. Sie schaltete seinen CD-Player aus und löschte das Licht. Marit kehrte ins Wohnzimmer zurück. Ihre Gedanken waren wieder bei Tom. Wenn sie alleine mit ihm war, verstanden sie sich. Es war immer nur Impulse aus dem Alltag, die sie streiten ließen.
Häufig Kleinigkeiten, und sie wusste selbst, dass sie ständig wie eine Ziege meckerte. Sie gefiel sich selbst nicht in der Rolle. Auch im Bett verstanden sie sich, auch wenn es selten geworden war. Tom hatte göttliche Hände und sie sehnte sich in dem Moment danach, am ganzen Körper von ihm gestreichelt und massiert zu werden. Und er war der erste Mann in ihrem Leben, der sie wirklich zum Beben bringen konnte. Einem Beben, das noch minutenlang danach ihren Körper erzittern ließ.
Beide waren offen und hatten beim Sex absolutes Vertrauen zueinander. Ein Vertrauen, wie es erst im Laufe der Jahre entstehen kann. Marit kuschelte sich tiefer in den bequemen Ohrensessel am Kamin und nahm einen Schluck Wein.
Wie gerne hätte sie Tom in dem Moment gespürt, aber sie traute sich seit Längerem nicht mehr, sich ihm zu nähern, weil sie nicht wusste, wie er reagieren würde. Ob es ihm ähnlich ging? Früher hatte er ihr häufig an den unmöglichsten Orten und in den verrücktesten Momenten
»Ich bin total heiß auf dich« ins Ohr geflüstert und sie dann in den Nacken geküsst. Das hatte er lange nicht mehr getan. Marit vermisste es. Sie vermisste auch, einfach in den Arm genommen, festgehalten zu werden. Sie waren sich fremd geworden. Manchmal, aber nur manchmal, wenn die Kinder bei den Großeltern waren, waren sie in der Lage, sich wieder aufeinander einzulassen und sich gegenseitig zu genießen.
Marits Blick wanderte zur Uhr neben dem Kamin. Viertel nach zwölf. Es war kein Außentermin, sie spürte es genau, und es schmerzte sie, dass er die Idee so schnell in die Tat umgesetzt hatte. Ob er vorher schon etwas mit einer anderen Frau gehabt hatte und das nun offen und ohne schlechtes Gewissen fortführen konnte? Marit schenkte sich ihr Rotweinglas noch einmal voll, leerte es in einem Zug, dann löschte sie das Licht im Wohnzimmer und machte sich bettfertig.
Als sie im Badezimmer war, hörte sie die Haustür.Automatisch schaute sie auf die Uhr. Ein Uhr. Nun war sie sich ganz sicher, dass sie mit ihren Befürchtungen richtig lag. Sie öffnete die Tür, Tom stand davor und schaute sie erstaunt an.
»Du bist noch wach? Ich springe noch schnell unter die Dusche«, murmelte er und war auch schon verschwunden. So war es also: Er war bei einer anderen Frau gewesen. Warum sonst sollte er um diese Uhrzeit plötzlich duschen wollen? Zehn Minuten später kroch er leise ins Bett und sein Atem verriet, dass er auch gleich eingeschlafen war. Marit hingegen lag noch lange Zeit wach und fiel schließlich in einen unruhigen Schlaf.
3.
Der nächste Tag verlief nach Schema F. Weder Marit noch Tom verloren ein Wort über den gestrigen Abend. Am Nachmittag brachte sie Lukas zum Fußballtraining und Emely in die Klavierstunde. Es war schließlich wichtig, dass Kinder ihren Talenten entsprechend gefördert wurden. Wie sie diese Sätze der übereifrigen Lehrer und anderen Müttern hasste. Alle hatten Wunderkinder, nur sie zwei völlig normale, zwar stinkefaule, aber dennoch liebenswerte Exemplare zu Hause.
Anschließend traf sie sich mit ihrer Freundin Julia in einem Café. Julia war vom Typ her ganz anders als Marit. Sie hatte sich bewusst dafür entschieden, keine Kinder zu bekommen. Sie war Rechtsanwältin und mit Marcel verheiratet, der ebenfalls als Rechtsanwalt arbeitete und in Marits Jugend kurzzeitig ihr Freund gewesen war. Julia war ganz Erfolgsfrau und das sah man ihr auch an. Sie strahlte ein enormes Selbstbewusstsein aus und bekam immer, was sie wollte. Die beiden Frauen hatten sich durch Marcel kennengelernt und waren sich auf Anhieb sympathisch gewesen.
Seither verband sie eine tiefe Freundschaft, und sie hatten keine Geheimnisse voreinander.
Julia betrat das Café und blieb sekundenlang in der Tür stehen, um nach Marit Ausschau zu halten. Dabei setzte sie gekonnt ihre Sonnenbrille ab und warf ihre langen, braunen Haare mit einer entsprechenden Kopfbewegung geschickt über die Schulter. Das blieb nicht ohne Wirkung. Fast sämtliche Gäste des Cafés schauten instinktiv zu Julia.
»Marit, was ist denn passiert?«, fragte Julia, während sie Marit rechts und links ein Küsschen auf die Wange hauchte. »Du hast dich heute Morgen am Telefon fürchterlich angehört. Tom?«
»Wir hatten einen fürchterlichen Streit und Tom will wieder einmal ausziehen. Ich dachte tatsächlich eine lange Zeit, dass er nur unter der Gürtellinie kämpft und mir das an den Kopf wirft, weil ihm in dem Moment nichts Schlimmeres einfällt. Aber dieses Mal habe ich es ihm geglaubt.«
»Oh Mann, macht mir bloß keinen Blödsinn, ihr passt eigentlich so gut zueinander.«
»Wir passen perfekt, wenn es keinen Alltag gibt. Aber den gibt es nun mal. Ich hab ihm einen Deal angeboten!«
»Das klingt verzweifelt. Erzähl!« Julia kannte Marit gut genug, um zu wissen, dass sie Tom noch immer liebte und an der Beziehung festhielt.
»Verlieb dich mal wieder!«, antwortete Marit. »Ich habe ihm angeboten, dass er sich verlieben darf, nichts weiter, keinen Sex mit einer anderen, nur verlieben.«
»Bist du wahnsinnig? Weißt du eigentlich, was für ein Sahneschnittchen dein Tom ist? Dein Einsatz ist ziemlich hoch. Du spinnst! Und was ist mit dir? Darfst du auch oder darf nur er?«
»Ich darf auch, aber ich weiß gar nicht, wie und wo. Ich habe die Hoffnung, dass er die Schmetterlinge im Bauch mit nach Hause bringt, glaube aber inzwischen, dass er eh schon etwas am Laufen hatte. Ich grüble seit Tagen, und Fragen über Fragen tun sich für mich auf.« Marit erzählte Julia, was sie hinter Toms vorgeblichen Außentermin vom Vorabend vermutete.

»Klingt nicht gut«, bemerkte Julia. »Du bist komplett bescheuert. Mensch Marit, wie kann ich dir nur helfen? Aber wenn er das kann, dann kannst du das auch!«
»Wann sollte ich denn jemanden kennenlernen, in den ich mich auch noch verlieben kann?« Marit dachte nach. Da gab es wirklich kaum Gelegenheiten. Sie hatte nicht den Luxus, sich umzudrehen und zu rufen: »Ich hab noch einen Außentermin!« Sie musste das vorbereiten, planen, organisieren.
»Ich hole dich am Donnerstagabend ab! Ich bin zu einer Vernissage eingeladen, und das ist eine optimale Location, um Männer kennenzulernen. Hast du schon mal … ich meine, hattest du während deiner Beziehung zu Tom schon mal eine Affäre?«
»Julia! Was denkst du von mir? Natürlich nicht!« Marit musste trotz der unverschämten Frage lachen. Was die ihr so zutraute.
»Wenigstens mal einen One-Night-Stand?« Julia ließ nicht locker und Marit begann das Gespräch Spaß zu machen.
»Nicht während meiner Zeit mit Tom, aber davor schon.«
»Du? Echt? Erzähle, das ist ja unglaublich. Mit wem, wo, wann und wie kam es zustande?« Julia machte große Augen und schaute Marit erwartungsvoll an.
Marit stützte das Kinn in die Hand und schaute lächelnd in die Ferne. »Mit deinem Mann.«
Julia, die gerade einen Schluck Kaffee trinken wollte, verschluckte sich. »Mit wem?« Sie fixierte Marit mit Blicken, die durchaus im nächsten Moment auch hätten Blitze abfeuern können.
»Reg dich ab, dich kannte er da noch nicht. Doch, tat er, aber ihr wart noch kein Paar.«
»Jetzt will ich die ganze Geschichte hören!« Julia schaute immer noch ungläubig zu Marit herüber.
»Dass Marcel und ich einmal für kurze Zeit zusammen waren, weißt du ja bereits. Bevor ich die Beziehung mit Tom einging, war ich ein halbes Jahr lang alleine. Tja, und irgendwie kam es zu einer Wette, ich habe gewonnen, Marcel brachte mir eines Abends meinen Gewinn – eine Flasche Champagner, die wir gemeinsam tranken … naja, und irgendwann haben wir eben dem Schlafzimmer nicht mehr widerstehen können. Genaugenommen war es also kein One-Night-Stand, sondern Sex mit dem Ex.«
»Du Luder! Das habt ihr mir bisher nicht erzählt. Weiß Tom davon?«
»Der würde das verstehen, er ist schließlich ein Mann und war mein nächster One-Night-Stand. Etwa eine Woche später.«
Julias Augen wurden größer und größer. »Ihr seid aber verheiratet. Das ist dir nicht entgangen, oder?«
»Dass es tatsächlich einmal dazu kommen würde, konnte ich damals nicht ahnen. Tom war seine Freiheit gewohnt und hat das auch unmissverständlich klar gemacht. Wir waren zufällig auf der gleichen Party eingeladen und ins Gespräch gekommen. Ich kannte ihn kaum, aber wir hatten einen amüsanten Abend. Da er einen weiteren Nachhauseweg, aber schon einiges getrunken hatte, habe ich ihm angeboten, auf meiner Couch zu übernachten. Und das ist dann eben irgendwie schiefgegangen.«
»Du bist ja … du bist ja … DIR hätte ich das niemals zugetraut. Boah, Hammer!«
»Es war eine geile Zeit. Wobei, nach der Nacht mit Tom habe ich mir schon Vorwürfe gemacht. Plötzlich war es mir wichtig, was er von mir denkt, und eine Frau, die schon am ersten Abend mit ihm ins Bett steigt … Drei Monate später waren wir ein Paar.«
»Du hast ja echt Potenzial«, bemerkte Julia lachend. »Ich werde dafür sorgen, dass du eine Gelegenheit bekommen wirst, dich zu verlieben. Aber ich muss los. Ich habe in einer halben Stunde einen Termin mit einem Mandanten – Scheidungssache. Kopf hoch, Marit. Du bist eine tolle Frau, auch wenn Tom das zurzeit nicht sehen kann.« Julia drückte Marit und verließ mit einem Augenzwinkern das Café.
Kein Thema, du bist eingeladen, dachte Marit schmunzelnd und winkte der Bedienung, um zu bezahlen.
Das Gespräch mit Julia hatte ihr gutgetan und ihre Freundin hatte es wieder geschafft, dass Marit die Rechnung übernahm.
Nachdem Marit Emely vom Klavierunterricht abgeholt hatte, fuhren sie zum Sportplatz. Das Training von Lukas dauerte noch etwa eine Viertelstunde und die beiden setzten sich auf eine Bank am Spielfeldrand.
»Bekomme ich nun eigentlich ein Pferd zu Ostern?«, fragte Emely aus heiterem Himmel.
»Emely, das Thema haben wir ausdiskutiert. Wir haben weder den Platz noch die Zeit für ein Pferd«, erwiderte Marit leicht genervt.
»Klasse, du gönnst mir aber auch gar nichts«, schimpfte Emely sofort drauflos. »Die Felicitas hat schließlich auch eins und sogar noch einen Hund. Du bist voll peinlich. Die Eltern von Felicitas würden ihr alles kaufen!«
Genau da lag das Problem, aber das konnte Marit Emely in dem Moment nicht erklären, denn aus dem Augenwinkel heraus sah sie Frau von Breitenstein auf sie zusteuern. Die hatte ihr gerade noch gefehlt!
4.
Diese pädagogisch wertvolle Zimtzicke mit neureichem Hintergrund, die eigentlich aus einfachsten Verhältnissen stammte – sie hatte sich einen Bauunternehmer an Land gezogen – hatte immer eine spitze Bemerkung parat, und anschließend fühlte man sich wie eine Rabenmutter, obwohl man nichts falsch gemacht hatte. Im Gegenteil! »Einen wunderschönen guten Tag, Frau Bohmann. Dass ich Sie heute hier treffe … «
Ja, es war schwer, Marit hier zu treffen, denn sie vermied es nach Möglichkeit, sich zu den affektierten Luxusweibchen zu stellen und sich mit deren oberflächlichem Gelaber zumüllen zu lassen. Aber heute war sie einfach zu früh dran, um so lange mit Emely im Auto zu warten, dann hätte die nämlich wieder extrem schlechte Laune bekommen.
»Frau von Breitenstein!« Marit erhob sich, um ihr die Hand zu reichen. Blöde Schnepfe, schoss es ihr dabei durch den Kopf.
Nachdem Marit Emely vom Klavierunterricht abgeholt hatte, fuhren sie zum Sportplatz. Das Training von Lukas dauerte noch etwa eine Viertelstunde und die beiden setzten sich auf eine Bank am Spielfeldrand.
»Bekomme ich nun eigentlich ein Pferd zu Ostern?«, fragte Emely aus heiterem Himmel.
»Emely, das Thema haben wir ausdiskutiert. Wir haben weder den Platz noch die Zeit für ein Pferd«, erwiderte Marit leicht genervt.
»Klasse, du gönnst mir aber auch gar nichts«, schimpfte Emely sofort drauflos. »Die Felicitas hat schließlich auch eins und sogar noch einen Hund. Du bist voll peinlich. Die Eltern von Felicitas würden ihr alles kaufen!«
Genau da lag das Problem, aber das konnte Marit Emely in dem Moment nicht erklären, denn aus dem Augenwinkel heraus sah sie Frau von Breitenstein auf sie zusteuern. Die hatte ihr gerade noch gefehlt!
4.
Diese pädagogisch wertvolle Zimtzicke mit neureichem Hintergrund, die eigentlich aus einfachsten Verhältnissen stammte – sie hatte sich einen Bauunternehmer an Land gezogen – hatte immer eine spitze Bemerkung parat, und anschließend fühlte man sich wie eine Rabenmutter, obwohl man nichts falsch gemacht hatte. Im Gegenteil! »Einen wunderschönen guten Tag, Frau Bohmann. Dass ich Sie heute hier treffe … «
Ja, es war schwer, Marit hier zu treffen, denn sie vermied es nach Möglichkeit, sich zu den affektierten Luxusweibchen zu stellen und sich mit deren oberflächlichem Gelaber zumüllen zu lassen. Aber heute war sie einfach zu früh dran, um so lange mit Emely im Auto zu warten, dann hätte die nämlich wieder extrem schlechte Laune bekommen.
»Frau von Breitenstein!« Marit erhob sich, um ihr die Hand zu reichen. Blöde Schnepfe, schoss es ihr dabei durch den Kopf.
Nachdem Marit Emely vom Klavierunterricht abgeholt hatte, fuhren sie zum Sportplatz. Das Training von Lukas dauerte noch etwa eine Viertelstunde und die beiden setzten sich auf eine Bank am Spielfeldrand.
»Bekomme ich nun eigentlich ein Pferd zu Ostern?«, fragte Emely aus heiterem Himmel.
»Emely, das Thema haben wir ausdiskutiert. Wir haben weder den Platz noch die Zeit für ein Pferd«, erwiderte Marit leicht genervt.
»Klasse, du gönnst mir aber auch gar nichts«, schimpfte Emely sofort drauflos. »Die Felicitas hat schließlich auch eins und sogar noch einen Hund. Du bist voll peinlich. Die Eltern von Felicitas würden ihr alles kaufen!«
Genau da lag das Problem, aber das konnte Marit Emely in dem Moment nicht erklären, denn aus dem Augenwinkel heraus sah sie Frau von Breitenstein auf sie zusteuern. Die hatte ihr gerade noch gefehlt!
4.
Diese pädagogisch wertvolle Zimtzicke mit neureichem Hintergrund, die eigentlich aus einfachsten Verhältnissen stammte – sie hatte sich einen Bauunternehmer an Land gezogen – hatte immer eine spitze Bemerkung parat, und anschließend fühlte man sich wie eine Rabenmutter, obwohl man nichts falsch gemacht hatte. Im Gegenteil! »Einen wunderschönen guten Tag, Frau Bohmann. Dass ich Sie heute hier treffe … «
Ja, es war schwer, Marit hier zu treffen, denn sie vermied es nach Möglichkeit, sich zu den affektierten Luxusweibchen zu stellen und sich mit deren oberflächlichem Gelaber zumüllen zu lassen. Aber heute war sie einfach zu früh dran, um so lange mit Emely im Auto zu warten, dann hätte die nämlich wieder extrem schlechte Laune bekommen.
»Frau von Breitenstein!« Marit erhob sich, um ihr die Hand zu reichen. Blöde Schnepfe, schoss es ihr dabei durch den Kopf.
»Cedric hat erwähnt, dass Sie Lukas gar nicht für das Englisch-Camp in den Osterferien angemeldet haben?«
Mist! Marit hatte das schlicht und ergreifend bei dem ganzen Kummer der letzten Tage vergessen und Lukas hatte es tunlichst vermieden, sie daran zu erinnern. Er hasste das Englisch-Camp. Wer aber zur Vorstadt-High-Society gehören wollte und etwas auf sich hielt, schickte seine Kinder dorthin, obwohl es völlig überteuert war.
»Wir haben dieses Jahr in den Osterferien schon etwas anderes geplant«, log Marit. Sie hatte ganz sicher keine Lust, Frau von Breitenstein ihr komplettes Seelenleben zu erklären.
»Was haben wir denn geplant?«, platzte Emely, die sofort hellhörig geworden war, dazwischen.
»Das ist noch eine Überraschung«, log Marit erneut und warf Emely einen energischen Blick zu, damit diese den Mund hielt.
»Und ich habe mir schon Sorgen gemacht, dass es einen finanziellen Hintergrund haben könnte«, säuselte Frau von Breitenstein scheinheilig.
Hättest du wohl gerne, du blöde Ziege, dachte Marit, sagte aber: »Nein, dieses Jahr passt es einfach zeitlich nicht.« Zum Glück kam in dem Moment gerade Lukas aus der Umkleidekabine und Marit verabschiedete sich eilig von Frau von Breitenstein. Als sie im Auto saßen, wollte Emely natürlich mehr über die vermeintliche Überraschung erfahren und Lukas interessierte sich ebenfalls sofort brennend dafür.
»Das war eine Notlüge, weil ich vergessen habe, Lukas im Englisch-Camp anzumelden, und die Anmeldefrist ist längst vorüber. Dieses scheinheilige Weib!« Marit konnte nicht verhindern, dass ihr dieser Satz rausrutschte.
»Dann können wir doch von dem Geld ein Pferd für mich kaufen, biiiitte, Mama«, bettelte Emely, ihre Chance witternd.
»Bevor du einen Gaul bekommst, brauche ich erst mal einen neuen Laptop. Meiner ist schon zwei Jahre alt und völlig überholt. Cedric hat gerade einen bekommen und ist total begeistert. Es soll das beste Gerät sein, das auf dem Markt ist. Und zu Ostern bekommt er einen neuen Flachbildschirm für sein Zimmer.«
»Er hat doch gerade erst einen neuen bekommen.« Marit schaute in den Rückspiegel zu Lukas.
»Der taugt nicht viel, Bildschirm zu klein. Ich hab noch nicht einmal einen Fernseher im Zimmer. Cedrics Eltern sind viel cooler als ihr!«
Da war er wieder, der Vorwurf! Marit konnte es nicht mehr hören und hatte diesen Statussymbol-Wettlauf gründlich satt. Egal, was sie tat, einer hatte immer etwas zu bemängeln, und sie spürte, wie sich Wut in ihr ausbreitete.
Zu Hause angekommen, fiel ihr erster Blick auf Toms Aktentasche, die schon seit gestern auf der Treppe stand.
Genervt rief sie in die Richtung seines Büros, dass er die doch bitteschön endlich mal wegräumen solle und hängte ihre Jacke an die Garderobe.
»Schön, dass du wieder da bist. Du kommst nach Hause und meckerst mich sofort wieder an!«, tönte es genervt zurück.
»Ach, ist doch wahr! Ich renne mir den Arsch ab, damit hier einigermaßen Ordnung herrscht und ihr lasst alles überall liegen. Räumt euren Mist doch einfach gleich weg.« Marit verdrehte die Augen und stolperte im nächsten Moment über Lukas‘ Sporttasche, die er achtlos in den Flur geworfen hatte.
Sie feuerte sie auf die Kellertreppe und knallte anschließend wütend die Tür zu.
»Mama, der Lukas ärgert mich«, schrie eine hysterische Mädchenstimme von der oberen Etage.
»Rutscht mir doch den Buckel runter«, brummelte Marit leise vor sich hin. Erschöpft setzte sie sich an den Küchentisch. Sie hatte keine Lust mehr auf diesen alltäglichen Wahnsinn. Jeder dachte nur an sich und an seine Vorteile. Ihre Bedürfnisse fielen immer hinten runter.
»Was gibt es zu essen?« Lukas war in die Küche gekommen und schaute in den Kühlschrank.
»Ich muss noch schnell einkaufen gehen. Wir essen erst in einer Stunde – Hamburger vielleicht.«
»Okay, aber spätestens in einer Stunde, ich hab nämlich richtig Kohldampf. Ich habe heute noch nichts zu essen bekommen«, motzte Lukas und verschwand aus der Küche.
Marit seufzte tief. So ein Leben hatte sie sich nicht vorgestellt. Jeder forderte nur und keiner tat etwas freiwillig. In dem Moment sehnte sie sich in ihre kleine Wohnung von damals zurück. Niemandem verpflichtet, frei wie ein Vogel. Frei wie ein Vogel! Was wäre eigentlich, wenn sie jetzt einfach ihr Köfferchen packen und zu einem Außentermin verschwinden würde? Gut, einem etwas länger andauernden Außentermin. Ihre Finger trommelten nervös auf die Tischplatte. Plötzlich stand sie wie von Geisterhand geführt auf. Sie ging zum Schlafzimmer, nahm ihren kleinen Koffer aus dem Schrank und warf einige Kleidungsstücke hinein. Sie schnappte ihr Beauty-Case, räumte im Badezimmer hastig ihre Kosmetikartikel hinein und rief: »Bin einkaufen«, um direkt aus dem Haus zu verschwinden. Als sie im Auto saß, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Sie startete den Motor und fuhr los. Wohin wollte sie eigentlich? Sie hatte keinen Plan und fuhr einfach drauflos. Als sie sich nach einiger Zeit auf dem Supermarktparkplatz wiederfand, schnappte sie ihren Korb und kaufte ein. Ferngesteuert. Routiniert.
Ein kurzer Gedanke an Lukas und Emely veranlasste sie schließlich dazu, wieder nach Hause zu fahren und die Frikadellen für die Hamburger zuzubereiten. Die Kinder konnten nichts dafür und würden es nicht verstehen können, wenn sie so einfach verschwand. Ich bin ein totales Weichei. Noch nicht mal ein paar Tage abhauen traue ich mir zu. Ich wüsste überhaupt nicht, wohin ich sollte. Ich bin eine bekloppte, durchgeknallte alte Schachtel, für die sich kein Mensch mehr interessiert – noch nicht einmal ich selbst. Wütend knetete sie das Hackfleisch und versank in Selbstvorwürfen. Sie fühlte sich innerlich total zerrissen und wusste nicht, wie sie der Situation entkommen konnte.
»Du warst aber lange einkaufen.« Tom kam in die Küche. »Wie lange dauert das Essenmachen noch? Ich hab heute noch ein Meeting – kam kurzfristig rein.«
»Wir essen in einer halben Stunde«, erwiderte Marit und dachte, dass der gestrige Außentermin heute anscheinend als Meeting deklariert wurde. Julia hatte recht gehabt. Sie war bescheuert. Wie hatte sie nur auf so einen wahnsinnigen Einfall kommen können, sich mal wieder zu verlieben?
»Das wird mir zu knapp, dann esse ich unterwegs eine Kleinigkeit«, bemerkte Tom und verschwand im Badezimmer. Die Aktentasche stand immer noch auf der Treppe.
»Grrr«, fauchte Marit, aber sie wusste, dass jetzt jeder Satz nach hinten losgehen konnte und verkniff sich ihren Kommentar.
Sie verbrachte den Abend wieder alleine und Tom kam erst zu sehr vorgerückter Stunde nach Hause.
Am nächsten Morgen hatte sie den Kindern die Pausenbrote geschmiert und das Frühstück zubereitet. Als die beiden endlich aus dem Haus waren, goss sie sich noch eine Tasse Kaffee ein und setzte sich an den unaufgeräumten Frühstückstisch. Tom schlief noch. Er hatte ihr einen Zettel auf die Treppe gelegt, dass es gestern sehr spät geworden war und er am Vormittag keine Termine habe. Er würde ausnahmsweise etwas länger schlafen wollen. Die Kinder sollten doch bitte nicht so einen Lärm machen und ausnahmsweise einmal Rücksicht nehmen. Marit schaute sich um. Auf dem Boden lagen Krümel, Emelys Schlafanzug hing über dem Stuhl und Lukas hatte seine Wasserflasche vergessen.
5.
Anstatt ihre alltägliche Chaosbeseitigungsaktion zu beginnen, stand sie auf und ging ins Bad. Die Zahnpasta- und Seifenflecken auf dem Spiegel ignorierend, begann sie sich fertig zu machen. Der Koffer lag noch im Kofferraum. Sie hatte sich nicht getraut, ihn wieder herauszunehmen, weil sie Angst gehabt hatte, unbequeme Fragen gestellt zu bekommen. Heute war der letzte Schultag vor den Osterferien. Als sie im Badezimmer fertig war, nahm sie ihre Handtasche und die Jacke von Haken. Die Haustür fiel hinter ihr ins Schloss. Gestern hatte keiner bemerkt, dass sie länger weggewesen war als gewohnt. Heute würden sie es bemerken, dafür würde sie sorgen.
Wieder setzte sie sich in ihr Auto, startete den Motor und fuhr los. An der Autobahnauffahrt überließ sie dem Vordermann die Richtung und fuhr ihm einfach hinterher.
Es ging nach Süden. Nach einer Weile suchte sie einen Musiksender im Radio, drehte die Lautstärke auf und begann das Abenteuer zu genießen. Sollte ihre Familie einfach mal merken, wie es ohne sie war. Die Kinder würden etwas irritiert sein, aber das war nun Toms Problem. Vielleicht konnte sein Außentermin oder sein Meeting kochen und ihm in Plastikschüsseln heimlich etwas vor die Haustür stellen? Oder Frau von Breitenstein? Sie konnte ihm sicher ein angesagtes Restaurant empfehlen. Marit drehte die Lautstärke noch etwas höher und begann mitzusingen.
Als die Tankanzeige Richtung Reserve wies, fuhr sie einfach von der Autobahn ab. Sie konnte nicht sagen, wie lange sie gefahren war, aber zwei oder drei Stunden waren es sicher gewesen. Sie war im Schwarzwald angekommen. An der Autobahnabfahrt fuhr sie einfach wieder ihrem Vordermann hinterher und überließ auch dieses Mal einem völlig fremden Menschen die Entscheidung, wohin ihre Reise ging.
Nachdem sie direkt eine Tankstelle gefunden und vollgetankt hatte, fuhr sie einfach immer weiter in den Schwarzwald hinein. Nach geraumer Zeit erreichte sie die kleine Ortschaft Klosterreichenbach im Murgtal. Hier schien die Zeit stillzustehen. Etwa in der Mitte des Dorfes befand sich das Kloster. Am Klosterhof hielt sie an, stieg aus und atmete einige Male tief ein und wieder aus. Herrlich!
Die Sonne schien, der Himmel war tief blau und es war für die Jahreszeit schon angenehm warm. Eine alte Frau ging in die Metzgerei, die sich direkt neben dem Kloster befand, und als Marit die Türglocke bimmeln hörte, wurden Kindheitserinnerungen in ihr wach. Hier würde sie bleiben.
Sie schaute zur Turmuhr, als diese gerade anfing zu läuten. Zwölf Uhr. Jetzt brauchte Marit nur noch ein geeignetes Hotel. Sie drehte sich um und passenderweise fiel ihr Blick direkt auf ein Schild: »Hotel Ailwaldhof – romantische Einzellage am Wald«. Entschlossen setzte sie sich zurück ans Steuer und folgte den Hinweisschildern. …

Monika Baitsch 2

 

Monika Baitsch lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen an der Bergstraße.

Im Sommer 2011 veröffentlichte sie ihr erstes Kinderbuch „Hilfmir – mein kleiner Freund und seine Mutmacher-Geschichten“, ein Kinderbuch zur Stärkung des Selbstvertrauens für Kinder ab dem Vorschulalter. Schnell wurde der Ruf nach mehr laut und es folgten weitere Bücher von und mit dem kleinen „Hilfmir“.
Inzwischen widmet sie sich auch anderen Themen und so entstand in Zusammenarbeit mit einem norddeutschen Musikverlag „ROB74 … und die Macht der Freundschaft“ – ein Musikabenteuer über Freundschaft, Träume und Ziele für Kinder ab dem Vorschulalter und „MICHA – Ist Diabetes eigentlich anstecken?“ – eine Geschichte für betroffene Kinder, Angehörige und Interessierte, die die Hintergründe und Fachbegriffe von Diabetes mellitus Typ I auf einfache Weise erklärt.
Im Juni 2014 ist nun ihr erster Roman „Verlieb dich mal wieder … oder: Sex ist auch eine Lösung!“ erschienen. Eine Geschichte um eine Frau, die sich in der Lebensmitte noch nicht in der Midlife-Crisis, jedoch aber in einer Sinnkrise befindet, die Reißleine zieht und sich endlich selbst wiederfindet. Eine Geschichte für alle Traumfrauen und die, die vergessen haben, dass sie Traumfrauen sind!
Mehr Informationen unter www.monika-baitsch.de.

Verschollen im Land der Lotusblüten von Rike Stienen

Verschollen im Land der Lotusblüten von Rike Stienen

( Tag 8 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder Rike Stienen)

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( Cover Copyright Bookshouse)

 

 

Kapitel 1
Mit einem Lächeln auf dem Gesicht wandelt Mara durch den Rosengarten, der jetzt im Sommer betörend duftet. Sträucher recken ihre Zweige in die milde Luft und locken Insekten und Schmetterlinge an, die hintereinander um die Blüten flattern, als würden sie Fangen spielen.
Großmutter Amalie ist dabei, die vom Regen der letzten Tage verfaulten Blumenköpfe akribisch abzuschneiden. Die Rosen sind ihre Passion, und ihr Garten ist weit über die Grenzen Hamburgs bekannt. Jedes Jahr nimmt sie am Tag der offenen Gartentür teil, und begeisterte Blumenfreunde dürfen sich an ihrem Paradies erfreuen und von ihrem Fachwissen profitieren.
Amalie ist so vertieft in ihre Tätigkeit, dass sie zusammenzuckt, als Mara plötzlich hinter ihr verkündet: »Juhu, ich hab’s geschafft!« Damit meint Mara ihr Lehrerexamen. Wie hat sie die letzten Monate geschuftet und sich hinter ihren Büchern versteckt! Endlich ist diese anstrengende Zeit vorbei, und sie kann die nächsten Wochen in vollen Zügen genießen, bis sie den Schuldienst antritt. Noch ist unbekannt, wo dies sein wird. Es bleibt zu hoffen, dass ihr die neue Stelle im Umkreis angeboten wird, denn Mara möchte weder von Amalie noch von ihrem Freund Lukas getrennt werden und womöglich in eine andere Stadt ziehen müssen.
Amalie legt die Rosenschere beiseite und entledigt sich der Gartenhandschuhe, um Mara in die Arme zu schließen.
»Wer hätte daran gezweifelt, dass du es schaffst, meine Liebe. Herzlichen Glückwunsch!
Ich habe eine Überraschung für dich.« Die Großmutter setzt eine geheimnisvolle Miene auf.
»Was ist es denn? Hat es mit Hendrik zu tun?«, fragt Mara, die ihren Zwillingsbruder sehr vermisst.
»Den kann ich leider nicht aus dem Hut zaubern, aber ich habe alle deine Freunde heute Abend zu einer Feier eingeladen.«
Stürmisch haucht Mara ihrer Großmutter, die leicht zurückstrauchelt, einen Kuss auf die Wange. »Das ist ja total süß von dir. Du bist die Beste! Wer kommt denn?«
»Das verrate ich nicht. Etwas Spannung darf bleiben!« Erneut streift sich Amalie die Gartenhandschuhe über und schneidet diesmal einen ganzen Strauß Rosen für die bevorstehende Party ab. Mara liebt Großmutters Rosenbowle. In den Sommermonaten lädt sie oft ihre Freundinnen dazu ein, die sich nie zweimal bitten lassen, um in den Genuss dieses köstlichen Getränks zu kommen.Voller Vorfreude schickt sich Mara an, in Richtung Haus zu laufen. »Dann rufe ich jetzt mal Lukas an. Die treulose Tomate hat mich nicht wie verabredet nach der Prüfung
abgeholt.«
»Ja, mach das! Wahrscheinlich hat sein Tantchen mal wieder eine besondere
Beschäftigung für ihn.« Einen ironischen Unterton kann sich Amalie nicht verkneifen.Mara ahnt, dass ihr Herzblatt der Großmutter nicht geheuer ist. Obwohl Lukas bereits seit einem Jahr als Lehrer am Gymnasium im hiesigen Stadtteil arbeitet und genug Geld verdient, lebt er immer noch im Haus seiner Tante in einem kostenlosen Studentenzimmer.
Als Dank dafür ist er ihr rund um die Uhr zu Diensten. Wieso sich Mara das ständige Zurücksetzen ihrer eigenen Bedürfnisse zugunsten dieser Frau gefallen lässt, bleibt ihr manchmal ein Rätsel. Sobald Mara weiß, wo sie ihre Stelle antritt, wird sie jedoch auf eine gemeinsame Wohnung drängen. Hinsichtlich Amalie plagt sie allerdings das schlechte Gewissen, diese allein in der großen Villa zurückzulassen. Ob Amalie nicht insgeheim hofft, dass Lukas mit einzieht? Platz wäre ja genug vorhanden. Außer dem Parterre gibt es zwei zusätzliche Etagen mit jeweils drei Zimmern, einer Küche und einem Bad. Das Haus ist vor hundert Jahren extra so großzügig für mehrere Generationen unter einem Dach gebaut worden. Übrig geblieben sind gerade mal drei Personen. Vielleicht lässt sich Lukas
im Laufe der Zeit überreden, seine Tante zu verlassen und mit in der Villa zu wohnen. Sie würden eine Menge Mietkosten sparen, und Lukas ist ein Centfuchser. Jetzt schiebt Mara erst mal alle Zukunftsspekulationen beiseite und freut sich auf die Party.

Auf dem Fest am Abend will bei Mara keine Stimmung aufkommen, obwohl Amalie keine Mühen und Kosten gescheut hat, ein Büffet vom besten Delikatessenhändler der Gegend herrichten zu lassen. Minifrikadellen, Schnitzel, Hähnchenschenkel, diverse Sommersalate und Lachsbrötchen lassen keine Gaumenfreuden offen. Ein Dessertbuffet mit allen Variationen von Mousse au Chocolat bildet den krönenden Abschluss des kulinarischen Verwöhnprogramms. Alle Freundinnen und Freunde erweisen Mara die Ehre, um sie zu feiern und zu beglückwünschen. Sogar Irene, ihre beste Freundin, hat es bewerkstelligt, einen Tag eher von ihrer Geschäftsreise aus Paris zurückzukehren. Sie ist Amalies Überraschungsgast.
Der Garten ist mit vielen Fackeln bestückt, die ihn jetzt bei einsetzender Dämmerung in ein romantisches Licht tauchen. Überall laden kleine Tische mit Korbstühlen zum Verweilen und Plaudern ein. Auf jedem verführen Chips und Nüsse zur Kalorienaufnahme.
Die leckere Rosenbowle entfaltet inzwischen ihre Wirkung, denn einige Gäste kichern und lachen um die Wette über irgendwelche Belanglosigkeiten. Auch Lukas steht in einer Gruppe junger Leute mit einem Glas in der Hand und präsentiert Anekdoten aus seinem Schulalltag. Immerhin kam er mit einem großen Blumenstrauß an, um Maras tollen Examensabschluss zu würdigen. Scheinbar hatte er wenigstens ein schlechtes Gewissen, sie nach der Prüfung nicht wie versprochen abgeholt zu haben. Seine Tante musste beim Arzt,
wo er sie hingebracht hatte, so lange warten.
Immer das Gleiche, schießt es Mara durch den Kopf, als sie im hintersten Winkel des Gartens etwas Einsamkeit sucht. Selbst an solch wichtigen Tagen ist Lukas nicht Manns genug, den Klauen seiner Tante zu entkommen. Sie schlendert zur großen Eiche, von der immer noch die beiden Schaukeln aus Kindertagen herabhängen. Die Seile sind verwittert, und das Holz des Sitzes schimmert aschgrau. Hendrik und Mara veranstalteten täglich bei Wind und Wetter ein Wettschaukeln. Derjenige, der zuerst mit einem Fuß an den ersten Ast tippte, hatte gewonnen und erhielt als Belohnung am nächsten Tag zusätzlich den
Schokoriegel des anderen. Das war etwas Besonderes, denn Amalie achtete penibel darauf, dass Mara und ihr Zwillingsbruder nicht zu viele Süßigkeiten aßen. Sie schien damals von diesem Deal nichts zu ahnen oder ließ sich jedenfalls nichts anmerken. Je älter Mara und Hendrik wurden, desto öfter ging er als Sieger hervor, weil er einfach größer und kräftiger als Mara wurde und seine langen Beine schneller das Ziel erreichten. Als Mara ihre Chancenlosigkeit erkannte, beendete sie das Spiel von einem Tag auf den anderen. Das ist inzwischen Jahre her, und auch das gebaute Baumhaus ihres Vaters in der Eiche fiel vor vielen Jahren einem heftigen Sturm zum Opfer. Dabei hatten Hendrik und Mara davon geträumt, dass ihre eigenen Kinder eines Tages ebenfalls darin spielen dürften. In ihm wurde gelacht, geweint, gestritten, gegessen, geschlafen, die Hausaufgaben gemacht und
mit Freunden geredet.
In Gedanken an diese unbeschwerte Kindheit schwingt Mara nun allein auf einer der beiden Schaukeln in die Höhe, bis sie den besagten Ast berührt, und lässt einen tiefen Seufzer los.
Diesen hört Irene, die neben ihr zu schaukeln beginnt. »Hey, warum verkrümelst du dich hier? Alle fragen schon, wo du bist.«
Geschickt bremst Mara die Schaukel ab. »Ich bin total frustriert, dass sich Hendrik nicht meldet. Er hatte es versprochen. Wie kannst du es ertragen, so selten von ihm zu hören?«
»Hm.« Irene räuspert sich vorsichtig. »Vielleicht ist es meine Schuld, dass er heute nicht anruft.«
»Wieso?«, fragt Mara stirnrunzelnd und hakt nach. »Hast du denn in der letzten Zeit mit ihm telefoniert?«
»Nein.«
»Dann verstehe ich nicht, was du meinst.«
Es fällt Irene ersichtlich schwer, mit der Wahrheit herauszurücken, denn sie beißt sich auf die Unterlippe, bevor eine Antwort kommt. »Ich habe vor einiger Zeit per Mail mit ihm Schluss gemacht, mich aber nicht getraut, es dir und Amalie zu beichten. Inzwischen wird Hendrik wohl in einem Internetcafé gewesen sein und sie gelesen haben.« So, jetzt war es endlich raus, und Irene wagt es nicht, Mara in die Augen zu sehen. Sie starrt ins Gras und setzt zur Verteidigung ihres Entschlusses an. »Ich habe damals nicht verstanden, warum er nach dem Tod eures Vaters überstürzt eine Weltumsegelung machen musste und uns alle im Stich ließ. In dem Jahr habe ich zwei Postkarten von ihm bekommen, eine zu Weihnachten und eine zum Geburtstag, ab und zu eine lapidare Mail, wenn er irgendwo
Internetzugang hatte. Ich konnte ihn nie telefonisch erreichen, da Hendrik, wie du weißt, das Mitführen eines Handys immer abgelehnt hat. Auf hoher See gibt es sowieso keinen Empfang, war sein Argument. Das ist doch keine Beziehung, wenn man den anderen nicht sprechen kann, wann man möchte, oder?« Jetzt späht Irene doch vorsichtig zur Seite und zieht die Augenbrauen erstaunt hoch, als Mara völlig anders reagiert als erwartet.
»Du musst dich nicht rechtfertigen. Wenn Lukas mich so im Regen hätte stehen lassen wie dich, hätte ich nicht anders gehandelt. Hendrik wollte uns alle sicher nicht verletzen und hat nicht darüber nachgedacht, wie es uns damit ging, als er über Nacht verschwand.
Amalie und ich hatten das Gefühl, plötzlich zwei Menschen verloren zu haben, meinen Vater und Hendrik. Ihr gegenüber fand ich Lukas’ Handeln besonders schlimm, schließlich hat sie uns nach dem frühen Tod unserer Mutter wie eigene Kinder großgezogen.«
Dankbar greift Irene nach Maras Hand. »Ich bin so froh, dass du mir nicht böse bist und sogar Verständnis für meine Situation zeigst. Ich weiß, wie sehr du deinen Bruder liebst und vermisst.«
»Du bleibst meine beste Freundin, auch wenn du nicht meine Schwägerin wirst, was ich natürlich bedaure«, versichert Mara mit fester Stimme.
Irene stockt einen Moment, atmet tief ein, um dann mit der nächsten Enthüllung
fortzufahren: »Ich … ich habe mich vor einiger Zeit in einen Arbeitskollegen verguckt.
Weißt du, er ist für mich da, wenn ich traurig bin und mir die neue Tätigkeit alles
abverlangt. Ich habe mich so lange einsam gefühlt.«
Bevor Mara neugierig nachhaken kann, wer denn der Glückliche ist, taucht Amalie wie aus dem Nichts auf und fuchtelt aufgeregt mit einem Fax in der Hand.
»Hier, lies mal bitte! Du als Englischlehrerin kannst das besser als ich.«
Sofort reißt Mara der Großmutter mit einem flauen Gefühl im Magen das Schreiben aus der Hand. Es trägt den Absender der Deutschen Botschaft von Colombo und fällt zu Boden, als Mara entsetzt die Hände vors Gesicht schlägt. »Hendriks Jacht wurde führerlos auf einer Sandbank an der Südküste Sri Lankas gefunden. Von ihm fehlt jede Spur.«
Irene legt betroffen einen Arm um Maras Schultern. »Das ist ja furchtbar. Ist er
ertrunken?«
Diese Mutmaßung ist erkennbar zu viel für Amalie. Sie schluchzt hemmungslos in ihren Seidenschal und muss von Mara und Irene gestützt ins Haus geleitet werden.

Als alle Gäste endlich gegangen sind, beratschlagen Mara, Irene, Amalie und Lukas, was sie tun sollen. Der Botschafter möchte wissen, ob er die Jacht nach Deutschland überführen lassen soll. Falls ja, benötigt er dafür natürlich Geld. Ansonsten müsse sich die Familie
selbst darum kümmern und alles dafür Erforderliche veranlassen.
Die bodenständige Mara hat Hamburg und die weitere Umgebung nur in
Ausnahmefällen verlassen und kann Menschen nicht verstehen, die unbedingt ferne Länder
kennenlernen und sich auf eine unberechenbare Reise begeben wollen. Nie würde Mara
freiwillig heiße und exotische Gegenden aufsuchen.
Amalies Augen füllen sich wieder mit Tränen. »Einer muss nach Colombo fliegen und
sich um die Formalitäten kümmern«, bringt sie mit erstickter Stimme hervor. Dabei blickt
Amalie Irene fragend an, die jedoch vehement mit dem Kopf schüttelt.
»Ich bin in der Probezeit. Ich kann keinen Urlaub nehmen.«
»Dann werde ich nach dem Jungen suchen«, sagt Amalie entschlossen und wischt sich mit dem Handrücken ihre Tränen weg. »Ich spüre, dass Hendrik lebt und unsere Hilfe braucht.«
Intuitiv greift Mara nach Amalies Hand. »Das lässt du schön bleiben! Wenn hier jemand fliegt, dann ich.« Dabei weiß sie in diesem Moment nicht, wie sie ihre Flugangst überwinden soll. Die Abiturabschlussfahrt führte damals nach Paris. Während alle anderen dorthin flogen, bevorzugte Mara ganz allein den Zug und verpasste durch die längere Reisezeit den ersten Sightseeingtag.
Prompt bringt Amalie den Einwand, dass Mara nicht allein fliegen kann. Jemand muss ihr beistehen. »Dann begleite ich dich.«
Diese Idee stößt bei Mara nicht auf Zustimmung. »Das ist viel zu beschwerlich für dein angeschlagenes Herz, und du solltest zu Hause sein, falls sich Hendrik meldet.« Sie schubst ihren Freund leicht seitlich in die Rippen. »Was ist mit dir? Kommst du mit?«
Verdattert zuckt Lukas zusammen. »Ich?«
»Ja, du, es sind Ferien, und du hast Zeit.«
»Aber …« Weiter kommt Lukas nicht, denn wie aus einem Munde sprudelt es aus Mara und Irene: »… du musst erst deine Tante um Erlaubnis bitten.«

Nachdem Lukas und Irene weit nach Mitternacht gleichzeitig das Haus verlassen haben, forscht Mara im Internet nach zwei Flügen nach Colombo.
Amalie blickt ihr über die Schulter und lässt ihrer Angst um Hendrik freien Lauf.
»Glaubst du, er lebt noch?«
Mara unterbricht ihre Suche, springt vom Stuhl auf und umarmt ihre Großmutter. Sie spürt, wie diese am ganzen Körper zittert. »Aber sicher. Ich würde fühlen, wenn ihm etwas Ernstes passiert wäre. Ich fliege mit Lukas nach Sri Lanka, und wir werden ihn finden.
Versprochen!« Dabei ist Mara bei diesen Worten selbst mulmig zumute.
Während Amalie ein wenig getröstet zu sein scheint und meint: »Ich vertraue dir und pack schon mal deinen Koffer«, wendet sich Mara wieder den Flugportalen zu und wird schließlich fündig. Sie wartet nicht den vereinbarten Anruf von Lukas ab, sondern bucht sofort. Seine Tante war sicher schon am Schlafen, als er nach Hause kam, und deshalb wird er sie erst am nächsten Morgen mit der Situation konfrontieren können.
Als Mara gähnend ihr Zimmer betritt, ist Amalie längst mit dem Kofferpacken fertig.
Allerdings lässt sich das gute Stück nicht schließen.
»Bitte hilf mir mal und setz dich obendrauf! Ich ziehe dann den Reißverschluss zu«, verlangt die Großmutter.
Mara macht keinerlei Anstalten, dieser Aufforderung nachzukommen. »Was hast du denn alles eingepackt? Ich breche nicht zu einer Antarktisexpedition auf und benötige nicht viel. Bestimmt kann die Hälfte wieder raus.« Schon entdeckt sie ihren schwarz-weiß gepunkteten Bikini und will ihn herausziehen, aber Amalie hindert Mara daran, die protestiert: »Wir machen keine Urlaubsreise. Ich weiß doch gar nicht, was uns dort erwartet!«
»Eben! Du solltest für alles ausgerüstet sein!« Amalie besteht darauf, dass nichts vom Inhalt wieder in den Schrank wandert.
»Ich gebe mich geschlagen, aber mehr als zwanzig Kilo Gepäck darf ich nicht
mitnehmen. Stand im Internet.«
»Das sind ja fast alles leichte Sachen, und ich habe dir einige Medikamente
zusammengestellt.«
»Lieb von dir.« Mara stützt sich mit ihrem ganzen Leichtgewicht auf den Kofferdeckel, während Amalie ihn endlich verschließen kann. Mit vereinten Kräften hieven sie ihn von Maras Bett auf den Boden.
»Den kann Lukas dann morgen runtertragen«, meint Amalie.
»Er hat mir eben eine SMS geschickt, dass wir uns erst am Flughafen treffen. Mit seiner Tante konnte er nämlich nicht mehr sprechen und muss ihr morgen früh unsere Reise beichten.«
»Beichten? Ihr begeht doch keine Straftat! Mensch, Mädel, wie kannst du das bloß aushalten? Lukas ist ein erwachsener Mann! Er ist dieser Frau keine Rechenschaft schuldig, schon gar nicht, wenn es sich um einen Notfall handelt.« Mit vor Unglauben weit aufgerissenen Augen starrt Amalie Mara an und stemmt ihre Arme in die Hüften. »Ich fass es nicht! Wann nabelt sich der Junge endlich ab?«
»Bestimmt nicht heute Nacht!« Maras Tonfall klingt patzig. »Darüber müssen wir jetzt nicht diskutieren. Wir sollten lieber noch eine Mütze voll Schlaf nehmen«, und etwas friedlicher fährt sie fort, »danke für deine Hilfe und auch für die schöne Feier heute!« Sie will ihre Großmutter nicht zusätzlich aufregen. Deshalb erzählt sie auch nichts von Irenes und Hendriks Trennung. Das hat Zeit bis nach ihrer Rückkehr aus Sri Lanka. Mara küsst Amalie flüchtig auf beide Wangen. »Jetzt gehen wir endlich schlafen. Alles wird gut!«

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Vor zehn Jahren erfüllte ich mir den Traum, eine Ausbildung zur Drehbuchautorin zu machen. Aus einem Filmstoff entstand mein erster Liebesroman „Liebe auf Bestellung“. Inzwischen sind drei weitere Romane und einige Kurzgeschichten veröffentlicht worden. Zurzeit bin ich als Jurymitglied für den DeLiA-Preis (Vereinigung deutschprachiger Liebesromanautoren) tätig und darf ungefähr 200 eingereichte Bücher begutachten. Meine Adventszeit wird also dieses Mal hauptsächlich mit Lesen verbracht. Ich wünsche allen eine schöne und besinnliche Advents-und Weihnachtszeit.