Noch drei Geschichten bis Weihnachten von Thorsten Dörp

Noch drei Geschichten bis Weihnachten von Thorsten Dörp

( Tag 21 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder Thorsten Doerp)

 

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O, du selige Weihnachtszeit
»Ach, wie schön!«, begrüßt mich Mutter rührgeseelt, als ich halb erfroren vor dem Eingang meines Elternhauses stehe. Ich hoffe, sie meint die Freude darüber, mich zu sehen und nicht die blauen Lippen.
»Ja. Schön. Auch dir frohe Weihnachten, Mama«, antworte ich in dem Umfang lächelnd, wie es meine steife Gesichtsmuskulatur erlaubt. Ich beuge mich ein Stückchen herunter und setze ihr einen eisigen Kuss zwischen Mundwinkel und Wange. Dann drücke ich ihren gemachten Kopf tief in meine schneenasse Daunenjacke. Mutter quiekt.
Von drinnen antwortet es kläffend, und Sekunden darauf reibt sich eine grauhaarige Wolldecke hechelnd an meinem Schienbein, welche ich durch dezente Tritte abzuwehren versuche. Es handelt sich um Boris, wie der kurzgeratene Fusselknäuel im Rahmen meiner Familie genannt wird. Boris riecht schlecht, Boris sieht schlecht, doch Boris begrüßt mich so enthusiastisch, wie es einem vierzehn Jahre alten Mischlingsrüden noch möglich ist. Als mein letzter Tritt ihn von meinem Bein gelöst hat, bevor meine Hose endgültig versaut ist, knurrt er enttäuscht, bellt zwei Tannenzapfen des winterlichen Gesteckes an, das an einer roten Samtschleife an der Tür baumelt und verzieht sich unverrichteter Dinge zurück ins Haus. Ich bin gespannt, ob er nächstes Weihnachten noch mit von der Partie sein wird.

Mittlerweile steht auch meine kleine Nichte Rosalinde im Türrahmen und blickt mich mit murmelgroßen Rehäugelein an. Der Stress des Wartens steht ihr ins Gesicht geschrieben.
»Wo sind deine Geschenke?«, will Rosalinde wissen.
Mich packen Schuldgefühle. Jedes Jahr nehme ich mir aufs Neue vor, ihr einen neuen Namen zu schenken. Irgendwann werde ich es schaffen, ihr eine Urkunde mit einem Namen zu überreichen, der für ein achtjähriges Kind angemessen ist, aus diesem Jahrhundert stammt und den sie laut aussprechen mag.
»Diese Jahr verschenke ich Liebe!«, antworte ich philosophisch.
Rosalinde guckt irritiert.
Ich hatte mir geschworen, dass es dieses Jahr absolut Nichts geben würde, sollte die Industrie ihre ersten Lebkuchen bereits im August in die Regale stellen.
Ungläubig sucht sie mich von oben nach unten ab und hält nach Anhaltspunkten Ausschau, die das Gesagte widerlegen würden.
»Da ist ja echt nichts«, wirft sie mir ihre kindliche Enttäuschung direkt vor die Füße.
»Wann hast du dieses Jahr dein erstes Lebkuchenherz gegessen?«, will ich von ihr wissen.
»Ich habe Diabetes«, antwortet sie beleidigt und verschwindet mit vorgeschobener Unterlippe ins Wohnzimmer.

Mutter sagt noch nichts. Erst als es aus dem Wohnzimmer zu uns durchdringt, dass es kalt werde und man ja schließlich nicht für draußen heize, kommt auch sie auf den Gedanken, mich herein zu bitten. Mit einer geübten Bewegung zieht sie den schweren Vorhang zur Seite und tritt einen Schritt zurück. Dankend folge ich ihrer Geste und trete ins Warme. Wäre Rücksichtnahme eine meiner Tugenden, hätte ich kurz daran gedacht, meine Schuhe abzuklopfen. Stattdessen ziehe ich eine graue Matschspur über die Fliesen und werde erst durch ein schrilles: »Neeeein, nicht ins Wohnzimmer!« von Mutter gebremst. Früher, als wir noch klein waren, war das Betreten des Wohnzimmers tabu, bis ein feines Porzellanglöckchen bimmelnd die Ankunft des heiligen Weihnachtsmannes ankündigte – aber das war es nicht, was sie mir mitteilen wollte …
Sie verbirgt ihren Vorwurf hinter einer wegwerfenden Handbewegung und zieht, als hätte sie gerade darauf gewartet, einen Wischmop hinter dem Vorhang hervor. Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein hochmodernes Sportgerät.
»Wow, ist der neu?«, frage ich, weil mir eine Entschuldigung einfach nicht über die Lippen kommen will.
Sie nickt begeistert. Und als sie schon längst dabei ist, das wuchtige Gerät zügig über den Boden zu ziehen, referiert sie mit geweiteten Pupillen über eine Dauerwerbesendung, in der Harry Wijnvoord das Wundergerät höchstpersönlich angepriesen hat. Endlich klärt sich die Frage, wer zum Teufel bei QVC einkauft.
Während die Bodenheizung die Fliesen im trockenen Glanz erstrahlen lässt, drückt Mutter mir ein Paar Stoffpantoffeln in die kribbelnden Finger. Ich bestaune das dem Norwegerpulli entlehnten Muster und folge ihr wortlos ins Wohnzimmer …
… wo mich ankündigungslos der Schlag trifft! Während mir eben noch klirrendkalte Winterluft die Lungenflügel geflutet hat, stehe ich jetzt in einem überheizten Viereck mit radikal reduziertem Sauerstoffgehalt. Auf den Wandregalen flackern zimtduftende Teelichter, der Kamin knistert funkenreich, und von der Ablage der Schrankwand pustet eine hölzerne Räuchermännchen-Armee einen atemraubenden Cocktail aus Tannendunst und Weihrauch aus O-förmigen Mündern. Der Tannenbaum leuchtet wie ein türkischer/griechischer 1-Euro-Shop. Jetzt erklärt sich auch der surrende Stromzähler im Flur. Mein Blick dreht sich auf das jährliche Deja Vú: Am großen Esstisch sitzen in bewährter Reihenfolge mein Vater, meine ältere Schwester Melanie nebst Ehemann Ulf, die kleine Oma und Tante Brigitte, eine Dame im Spätherbst. Wessen Tante sie ist, weiß keiner wirklich. Sie gehört halt dazu. Adventskranz auf rot-weißer Tischdecke, Pappengel, Holztiere und Kunstschneesterne – ein Anblick, den ich bereits von frühesten Kindheitsfotos her kenne. Später werden noch mein älterer Bruder Magnus und seine Frau Jennifer mit ihren zopfschwänzigen Zwillingstöchtern aus erster Ehe dazu stoßen.
»Na, das ist ja schön, dass du auch schon kommst. Essen ist vorbei«, begrüßt mich Vater und stellt geräuschvoll sein Glas ab.
»Konstantin hat keine Geschenke mitgebracht!«, petzt Rosalinde.
»Lasst ihn doch erst einmal ankommen«, verteidigt mich Mutter und schiebt einen weiteren Stuhl an den Tisch, bevor sie mir ein randvolles Glas Rotwein vor die Nase stellt. Mit langen Fingern greift Vater nach seinem Pfeifenbeutel. »Stimmt das?«, hakt Vater nach, macht sich dabei aber nicht im Geringsten die Mühe, von seiner Pfeife aufzublicken.
»Hä?«
»Was die Rosalinde da sagt.«
Mutter steht neben der Stereoanlage und lässt ihre Finger über eine breite Fernbedienung huschen. Noch während die Frage unbeantwortet im Raum kreist, erklingen die ersten Töne von ›O du fröhliche, o du selige…‹, die wie Schneeflocken aus der Telefunken-Lautsprecherbox rieseln.
»Kinder, es ist doch Weihnachten!«, gurrt sie in unsere Richtung und wedelt dabei mit den Händen. Der Glanz ihrer Augen verrät, dass sie in den vergangenen Stunden nicht ausschließlich die Weingläser der anderen gefüllt hat.
»Du hast echt keine Geschenke mitgebracht?«, entrüstet sich meine Schwester Melanie. Sie streichelt dabei ihrer kleinen Tochter solidarisch über den Kopf. Rosalinde verschränkt ihre etwas zu dicken Arme, schiebt die Unterlippe wieder in Schmollstellung und starrt mich herausfordernd an.
»Hey Leute!« Ich zeige meine offenen Handflächen. Wie gut mir jetzt ein helles Gewand und eine Dornenkrone stehen würden! »Sind wir hier nicht zusammen gekommen, um das Fest der Liebe zu feiern?«
»Aber doch nicht ohne Geschenke!«, faucht Melanie schnippisch.
»Was spricht dagegen?«
»Wir haben dir schließlich auch etwas gekauft«, antwortet sie.

Wir haben dir schließlich auch etwas gekauft. Könnte glatt eine der Antworten bei der Fünfzig-Euro-Frage von ›Wer wird Millionär‹ sein. Mein Blick bleibt an der abgegriffenen Porzellan-Krippe hängen, die vor dem beschlagenen Fenster aufgebaut steht. Einem der drei Könige fehlt der Arm.
»Ich glaube nicht, dass es Jesus um Geschenke gegangen ist«, behaupte ich. »Ich denke, es sollte beim Weihnachtsfest um etwas ganz anderes gehen.«
Stolz über so viel Unverfänglichkeit, greife ich nach dem Glas Rotwein und spüle den tiefdunklen Inhalt mit einem kräftigen Schluck hinunter. Zufrieden wische ich mir mit dem Armrücken über den Mund und blicke meine Schwester an.
Unterdessen schleicht sich Mutter von hinten an und serviert mir einen aufgewärmten Teller mit Rotkohl, Kroketten und einer Gänsekeule in hautüberzogener Sauce.
»Aber die heiligen drei Könige hatten allesamt Geschenke dabei«, kontert Melanie, während ich die Nasenspitze über dem dampfenden Teller kreisen lasse.
Ulf, ihr Mann, schmunzelt diplomatisch. Mit übereinandergeschlagenen Beinen hockt er auf seinem Stuhl und dreht den gekämmten Kopf mal in meine, mal in ihre Richtung. Jedenfalls solange, bis meine Schwester ein entwaffnendes: »Sag du doch auch mal was « aus ihrer Streitkiste hervor kramt. Noch während er Luft holt, meldet sich Oma zu Wort.
»Das ist ja immer so schön zum Fest!«, krächzt sie wie ferngesteuert. Sie hebt die trüben Pupillen vom leeren Teller und wackelt richtungsfrei mit dem Kopf.
»So, so wunderschön!«, wiederholt sie sich.
Diese Feststellung werden wir im Laufe des Abends erfahrungsgemäß noch häufiger hören, denn Großmutter ist nicht nur gnadenlos zittrig, wie sie eindrucksvoll unter Beweis stellt, als sie ihre leere Gabel zum Mund führt, sondern auch knackdement.
»Ja, wunderwunderschön«, greift Tante Brigitte auf. Auch bei ihr hat der Zahn der Zeit mehr als nur an der körperlichen Substanz genagt.
Aber dann erwischt sie mich knallhart von der Seite. »Ist denn deine Freundin nicht mitgekommen? Die mit dem exotischen Namen!« Sie kratzt sich mit dem Nagel ihres faltigen Zeigefingers an der Schläfe, als würde ihr der Name gleich wieder einfallen.

Nicht schlecht! Seit Monaten versuche ich das Thema kläglich zu umschiffen und hier dauert es keine fünfzehn Minuten, bis die Narbe der Trennung aufgekratzt wird.
Melanie haut mit den Händen auf den Tisch: »Was hat die denn jetzt mit den Geschenken zu tun?« Gerne würde ich ihr zustimmen. Die Tatsache, dass ich alleine hier her gekommen bin, sollte als Antwort genügen.
Oma guckt zum Baum.
»Selma hieß sie«, antworte ich knapp und stochere eine ersoffene Krokette auf meine Gabel, ohne vom Teller aufzuschauen.
»Och nein, Junge!«, fällt es meiner Mutter aus dem Mund.
»Schluss?«, fragt Melanie irritiert.
»Seit ihrem Geburtstag im Sommer«, nicke ich.
»Hast ihr wohl keine Geschenke gemacht, was?«, frotzelt sie, merkt aber schnell, dass sie dabei ist, den Pfad der Witzigkeit zu verlassen. Noch während ich sie mit meinen Augen erwürge, schiebt Melanie sich heran, umarmt mich kurz, wuschelt mir schwesterlich durch die Mähne und gießt mit lächelndem ›wird-schon-werden‹-Gesicht Wein in mein Glas. »Das ist wirklich schön hier«, meldet sich Oma wieder zurück. »Findet ihr nicht auch?« Wir nicken versöhnlich, und Mutti streichelt Oma anteilnehmend das dünne Händchen.
Während ich stumm auf dem Stuhl hocke und durch die Nase ins Weinglas atme, gibt sich sogar Vater einen Ruck, wechselt die Tischseite und klopft mir im Vorbeigehen auf die Schulter: »Die Frauen kommen, die Frauen gehen.«
Für einen wortkargen Menschen, der den Mund sonst nur fürs Rauchen, Motzen oder Essen benutzt, war das schon fast ein Gespräch. Und selbst wenn mich seine weisen Worte nicht wirklich trösten können, freue ich mich über den zarten Versuch einer Anteilnahme. Mit mir selbst beschäftigt, kratze ich die Gabel über den Teller, fülle meine Wangen und erhebe mich, um den Tisch abzuräumen. Natürlich nur unter Protest meiner Mutter.
In der Küche stelle ich die dreckigen Teller ins Spülbecken und schlendere zum Kühlschrank. In meinem Kopf summt ein leises ›Morgen Kinder wird’s was geben‹. Erwartungsvoll öffne ich die Klappe, inspiziere die randvollen Fächer und ziehe freudestrahlend ein Einmachglas hervor, aus dem ich ein goldgelbes Stück eingelegten Kürbis fingere. Während ich genüsslich kaue, starre ich durchs Fenster ins Dunkel, in dem das Leben erstarrt ist. Kein Auto, keine Menschen, nur hier und dort gedämpftes Licht, das sich durch rieselnde Flocken kämpft. Es fällt mir schwer, mich zu erinnern, wie ich es so viele Jahre in dieser Einöde ausgehalten habe.
Mit säuerlichem Geschmack im Mund, kehre ich zurück ins Wohnzimmer. Meine Eltern sind gerade darin vertieft, sich gegenseitig anzuzischeln. Melanie versucht zu schlichten und wird nicht müde zu betonen, dass es doch überhaupt nicht schlimm sei, dass Mutter vergessen hat, den geräucherten Lachs einzukaufen. Tradition hin oder her. Ich setze mich zu ihnen an den Tisch und kann das nur bestätigen. Im Kühlschrank fehlte ja schließlich nicht nur der Lachs, sondern auch Meerrettich. Und Lachs ohne Meerrettich ergäbe doch gar keinen Sinn.
Nach einer kurzen Denkpause lenkt Vater grummelnd ein, da der Einkauf von Meerrettichgläsern in seinen Aufgabenbereich fällt. Mutter schmunzelt und sieht ihn Mann liebevoll an: »Schwamm drüber, Wolfgang! Toastbrot haben wir nämlich auch keines mehr.«
Was ebenfalls auf seiner Einkaufsliste gestanden hat.

Hund Boris reißt uns aus der neugeschaffenen Idylle. Von draußen ist ein orangefarbenes Blinken zu erkennen. Es klingelt. Und nochmal. Wie ein Brummkreisel zischt der Hund aus dem Wohnzimmer und schlittert kläffend über die glatten Fliesen zur Haustür. Bis auf Oma rennen alle hinterher.
Als Mutter die Tür öffnet, erscheint mein Bruder Magnus im Lichtkegel der Außenbeleuchtung. Mit starren Mündern erkennen wir: Sein teurer englischer Sportwagen steht im Kofferraum von Vaters im Carport geparkten Auto.
Mutter findet als erste zur Sprache zurück. »Wolltest du nicht streuen?«, fragt sie. Sie meint Vater.
Doch der antwortet erst einmal überhaupt nichts. Er stolpert auf seinen neuen Wollsocken über die Türschwelle zum heißgeliebten Vehikel. Ungläubig streicht er über den lädierten Rahmen der Heckklappe. Er blickt die Auffahrt hinauf, wo eine Schneeböe die frischen Reifenspuren verwischt. Dann zu Magnus. Ohne ein Wort zu verlieren, verschwindet er türknallend ins Wohnzimmer. Die Tür knallt zu. Stimmung.
Auch Magnus sieht sonst fröhlicher aus. Er drückt Mutter einen winzigen Weihnachtsstern in die Hände und versucht sich an der guten Miene zum bösen Spiel. Missgünstig beobachte ich seine Inszenierung und auch Melanie rollt die Augen. Hinter einem beachtlichen Berg von Geschenken tauchen Frau Jennifer und die Töchter Hanni und Nanni aus dem Auto auf. Auch ihre Gesichter haben mit weihnachtlichem Glanz wenig gemeinsam. Boris nutzt seine Chance und pinkelt ein gelbes Muster auf den schneebedeckten Rasen.
»Wollt ihr nicht hereinkommen«, versucht Mutter, um kurzfristig vom soeben entstandenen 10.000-Euro-Schaden abzulenken.
Wollen sie. Und so wird es eng im Flur. Wie bei einer einstudierten Choreographie streifen sich die Neuankömmlinge die Schuhe von den Füßen und stellen sie ordentlich in das Regal, das unter der Garderobe steht. Mutter streichelt Magnus über die Wange und wirft mir einen Blick zu, mit dem sie mir auf ihre ganz persönliche Weise zu verstehen gibt, dass mein schlechtes Benehmen nicht an ihrer Erziehung liegen könne. Ich verkneife mir ein applaudierendes Klatschen …

Als alle mit Hausschuhen versorgt sind, watscheln wir wie eine Entenfamilie der Mutter hinterher. Vater sitzt am Tisch und blättert wildschnaubend durch die Seiten eines dicken Ringordners. Seinen Rotwein hat er gegen Whisky getauscht. Tante Brigitte hilft den neuen Gästen, die Geschenke unter dem Tannenbaum zu stapeln.
»Geschenke, Geschenke!«, fiept Rosalinde und hüpft klatschend in die Luft. Die Zwillingstöchter sehen sie argwöhnisch an. Während Jennifer neben Mutter Platz nimmt, rückt Magnus zu unserem Vater auf. Ungefragt greift er nach seinem Ordner, klappt diesen zu und legt ihn behutsam auf den Stuhl neben sich ab.
»Frohe Weihnachten, Papa!«
»Froh am Arsch! Das zahlt keine Versicherung!«, schnaubt Vater.
»Lass uns das doch später klären. Es ist Heiligabend. Ich kümmere mich um eine Werkstatt und die beulen deinen Wagen wieder aus«, versucht Magnus zu beschwichtigen »Das ist ein Oldtimer!«
»Auch das werden die hinkriegen.«
Oma guckt, als gehöre sie nicht hierher.
»Schluss jetzt! Er hat sich doch entschuldigt«, schaltet sich Mutter dazwischen.
»Hat er nicht! Er hat mir frohe Weihnachten gewünscht«, kontert Vater behaglich.
Jetzt rollt Mutter mit den Augen.
Vierzig Jahre Ehe haben Vater jedoch gelehrt, wann der Zeitpunkt zum Einlenken gekommen ist, und so stiert er Magnus tief in die Augen, greift nach seinem Glas und spült sämtliche Vorwürfe mit dem Bourbon die Kehle hinunter.
Mit einem entschlossenem »So!« und bimmelndem Porzellanglöckchen startet Mutter die Weihnachts-CD nochmal von vorne und leitet das traditionelle Prozedere der weihnachtlichen Konsumgüterverteilung ein: Geschenk gegen Geschenk, Gutschein, Lied oder Gedicht.
Die Zwillinge haben ein kleines Theaterstück einstudiert, das Oma Tränen in die Augen treibt, und für das sie unter frenetischem Beifall der Familie gut die Hälfte der angeschleppten Geschenke einstreichen. Als sich dann auch Rosalinde vor die Tanne stellt und ihre Blockflöte, die sie beim letzten Weihnachtsfest für ein fünfzeiliges Gedicht ergattert hat, hinterm Rücken hervor zückt, entschuldige ich mich leise und stehle mich, unter dem Vorwand, ganz dringend auf die Toilette zu müssen, aus dem Raum und verschwinde zum eingelegten Kürbis.
Als ich nach einer Weile zurück ins Wohnzimmer kehre, liegt so etwas wie weihnachtliche Stimmung in der Luft: Die leise Musik, die Wärme, das Licht – Vater, der sich zu Mutter, Tante Brigitte und Oma gesetzt hat, Magnus, Jennifer und ihre beiden eigensinnigen Exemplare und meine Schwester Melanie nebst Ehemann Ulf, die händchenhaltend ihrer pummeligen Tochter beim Spielen vorm Tannenbaum zusehen, wie sie einer pädagogisch fragwürdigen Plastikpuppe inbrünstig die langen, blonden Haare bürstet.
Unbemerkt betrachte ich das Geschehen vom Türrahmen aus.
Von heute an verbleiben genau 365 Tage bis wir das nächste Mal gemeinsam bei Kroketten, Rotkohl und Gänsekeule sitzen werden. Steht bereits im Kalender. Alle werden wieder aus unterschiedlichen Richtungen des Landes anreisen. Vater wird sich um Wein und Meerrettich kümmern und Mutter vor der Entscheidung stehen, ob sie nicht mal eine neue Tischdecke ausprobieren soll. Mit Boris rechne ich kaum noch, mit Oma schon und Tante Brigitte kommt bestimmt. Meine Geschwister und ihre Familien ebenfalls.
Ich werde mir erneut die Frage stellen, warum in aller Welt wir uns das jedes Jahr aufs Neue antun.
Doch auch die Frage, ob es im nächsten Jahr Liebe oder Geschenke geben wird. Und so streife ich zurück zum Tisch, setze meinen Eltern einen Kuss auf die Stirn, wünsche ihnen von Herzen frohe Weihnachten und greife lächelnd nach dem Teller mit den Lebkuchenherzen.

 

Foto Tina Witt

 

 

Kurzvita:
Nach dem Zivildienst absolviert er eine leckere Ausbildung zum Koch.
Nach acht Jahren Hotelküche hängt er die Schürze an den Nagel, um seinen beruflichen Weg als Kaufmann fortzusetzen. Das tut er bis heute. Zwischendurch schreibt er. Sein Debütroman „Wegen Julia“ erscheint 2009. Zwei Jahre später schlüpft „aufgeschluckt!“, ein saukomischer Roman mit wunderbaren Segelohren.
Obwohl er im hohen Norden wohnt, mag er keinen Fisch. Höchstens Fischstäbchen.

 

 

 

Veröffentlicht:
Kurzgeschichten-Wettbewerb 2008, Literareon-Verlag
„EIGENTOR“, ISBN 978-3-8316-1306-9
Kurzgeschichten-Wettbewerb 2009, EPV-VERLAG
„STADTGESCHICHTEN AUS BAD SEGEBERG“, ISBN 978-3-936318-77-7
Roman 2009, BoD-Verlag,
„WEGEN JULIA“, ISBN 978-3-837-05102-5
Kurzgeschichten-Wettbewerb 2009, Literareon-Verlag
„RÜCKENWIND“, ISBN 978-3-8316-1427-1
Roman 2011, Plöttner Verlag,
„AUFGESCHLUCKT!“, ISBN 978-3-8621-1045-2
Anthologie 2012, Michason & May-Verlag
„DER BAUM BRENNT SCHON WIEDER“, ISBN 978-3-86286-023-4
E-Book 2014, neobooks,
„AUFGESCHLUCKT!“, ISBN 13 978-3-8476-8525-8


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