Ich wollte doch bloß nicht Bärchen heißen

Ich wollte doch bloß nicht Bärchen heißen von Ralf Ahmann

* Tag 5 des Neujahrskalender / Text und Bilder Ralf Ahmann*

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Prolog
(Ein leerer weißer Raum. Stille. Ein Mann sitzt rauchend auf einem
Stuhl. Die Ellbogen sind auf die Knie gestützt. Die Kamera dreht sich
langsam um ihn.)
Ich konnte nichts essen.
Essen war Anna. Anna war weg.
So einfach war das.
Ich hätte kotzen müssen, hätte ich auch nur einen Bissen herunterwürgen
sollen.
Gut, ich hatte sie verlassen, und die Tatsache hätte es einfacher
machen müssen.
Tat es aber nicht. Weg war weg. Blieb weg.
Kaffee und Zigaretten. Liter- und stangenweise. Kaffee ging
immer. Und an einer Kippe konnte man sich so gut festhalten.
Händezittern wegen der massiven Koffeinzufuhr. Und der Rauch,
wenn man ihn in die Lungenflügel zog, tat so unendlich gut.
Ich gehörte zur Risikogruppe. Mehrere Familienmitglieder waren
an Krebs gestorben. „Genetisch prädisponiert“ nannte man
das. Wissen to go. Unfair. Wenn mehrere Familienmitglieder im
Lotto gewannen, erhöhte das auch meine Chancen? Scheiß Genetik.
Es war mir egal. Ich hatte schon einmal den Krebs besiegt.
Entweder ich schaffte es nochmal, wenn er wiederkam, oder nicht.
Und es war mir egal. Denn wenn ich daran starb, dann war auch
der Schmerz weg. Schmerz wegen Anna. Anna war Schmerz.
Der Moment, wenn man sich die Pistole in den Mund steckt.
Nur um zu wissen wie sich das anfühlt. Der kalte, harte Stahl
klackt an den Zähnen. Leichter Ölgeruch in der Nase. Die Waffe
liegt schwer in der Hand. Geschliffene Holzgriffschalen mit Rautenmuster.
Die Gewissheit, dass es hier und jetzt vorbei sein konnte.
So beruhigend für einen kurzen Augenblick.
Doch ich hatte keine Pistole.
Nur den Gedanken.
Und den Schmerz.
Anna.
Jede verdammte Sekunde.
Ich arbeitete. Anna. Ich sah fern. Anna. Ich ging einkaufen. Anna.
Selbst wenn ich schlief, nach stundenlangem Wachliegen in der
Hoffnung, sie sei da, wenn ich mich umdrehte. Dann schreckte ich
hoch aus Alpträumen.
Im Traum gab es immer nur zwei Situationen. In schöner Regelmäßigkeit.
Entweder wir befanden uns in einer Wohnung, sie
räumte auf und bat mich währenddessen, jetzt kein Theater zu
machen, weil sie im Nebenzimmer mit einem fremden Kerl ficken
wollte.
Oder ich träumte, dass ich aufwachte, weil sie direkt neben mir
gerade gefickt wurde. Leichter Anflug von Erregung.
Denn Sex mit Anna war grandios. Verrucht. Geil. Nuttig. Porn-
ös. Sie stöhnte fantastisch. Sagte die Dinge, die ein Mann hören wollte. Fick mich. Ich spür dich so tief in mir. Bitte nimm ihn mir
nicht weg. Fick mich nur mit der Spitze. Nimm mich von hinten.
Ich will dich in meinem Arsch. Und immer wieder Oh Gott. Sie
war extrem passiv, spielte ihre Rolle jedoch perfekt. Sie ließ sich
bedienen. Und es war nur eine Rolle von vielen. Wie alles in Annas
Leben.
Ihr Körper war ein Traum. Schlank. Anmutig. Grazil. Eine Gazelle
auf dem Sprung. Mit festen, kleinen Brüsten, die standen wie
eine Eins. Sie hätte jeden Bleistiftwettbewerb gewonnen. Wespentaille.
Breites Becken. Endlose Beine. Dunkelrote Haare. Graue Augen.
Als habe jemand alles, was ich seit der Entdeckung der eigenen
Sexualität als attraktiv empfand, in dieser einen Frau zusammengebacken.
Nur für mich. Und sie wusste, wie schön sie war. Auch
wenn sie es immer wieder abstritt. Sich selbst ein hässliches Entlein
nannte, die nur hübsch sei, wenn sie geschminkt war. Doch das
war gelogen, und sie wusste es. Gelogen wie so vieles in all den
Monaten.
Gleichzeitig hatte es so etwas Inniges, wie ich es noch nie in
meinem Leben erlebt hatte. Ich fühlte mich wie der Ritter auf dem
weißen Pferd, zu jeder Sekunde. Liebte sie abgöttisch. Tat alles. Um
am Ende nur noch ein Schatten meiner Selbst zu sein.
Weil Anna in den ersten Monaten unserer Beziehung stets die
richtigen Knöpfchen gedrückt hatte. Und auch zwischendurch
immer wieder. Sie wusste, was sie tat, und wie sie es anstellen
musste.
Beschütze mich. Ich bin das arme, missbrauchte Mädchen, das
nichts sehnlicher braucht als den Ritter auf dem weißen Pferd. Hol
mich hier raus. Ich habe mein ganzes Leben unter Dreckschweinen
gelitten, die immer nur meinen Körper wollten. Und weil ich auf  der Suche nach dem Einen, Wahren bin und ihn in dir gefunden
habe.
Rette mich.
Und ich glaubte ihr. Immer wieder. Weil ich sie liebte. Weil in
mir immer wieder die Hoffnung aufflammte, dass sie nun endlich
aufhören würde mit diesen ständigen Komm-her-Geh-weg Spielchen.
Mit ihrer Flirterei. Dem Chatten. Dem Schwärmen für
andere. Den Lügen.
Der Rest ist Geschichte. Meine Geschichte.
Mein Name ist Marc Schlesinger.
Wenn Sie Lust und Zeit haben, dann nehme ich sie mit. Auf eine
Reise in die Vergangenheit. Aber halten Sie sich fest.
Denn es wird nicht so schön, wie Sie sich vielleicht erhoffen.

*

I wish i knew then, what i know now,
wouldn’t dive in, wouldn’t bow down,
gravity hurts, you made it so sweet
until I woke up on the concrete.”
(Katy Perry, Wide Awake)
Kapitel 1
Ficken
Im Juli 2012, Gewicht 82 kg
Dies ist eine Warnung. An Sie alle. Nehmen Sie es nicht als
Scherz, denn das ist es weiß Gott nicht. Sie sind da drau-
ßen. Sie leben. Sie atmen. Sie saugen anderen Menschen
die Energie aus. Ich habe es gesehen, und ich habe es erlebt. Wen
ich meine?
Narzissten. Jene unvergleichlichen Zeitgenossen, die, marodierenden
Horden gleich, plündernd und mordend durch die Beziehungslandschaft
ziehen. Sozusagen die „Freibeuter der Beziehungskiste“,
und das erbeutete Gut sind die Zuneigung und die
Selbstachtung des ausgebeuteten Partners. Wenn die Horde dann
irgendwann weiterzieht, bleibt der zerstörte, selbstzweifelnde und
ausgenutzte Partner zurück wie Treibgut nach einer Enterung.
Mein Name ist Marc Schlesinger. Ich bin achtunddreißig Jahre
alt. Und ich bin krank.

Woran ich leide? Nun ja, um das zu erklären, benötige ich ein
wenig von Ihrer Zeit. Fürs Erste reicht es, wenn Sie wissen, dass ich
verliebt bin. Und das ist auch schon, wie man so sagt, des Pudels
Kern. Denn ich musste erkennen, dass diese Liebe nicht gesund ist.
Mehr noch, sie ist falsch, fehlgeleitet und über die Maßen destruktiv.
Diese Liebe brachte mich dazu, mich selbst fast bis auf die
Grundmauern zu zerstören. Denn ich habe die Realität aus den
Augen verloren, mich selbst verloren in dieser Spirale aus Sehnsucht,
Verlangen und Verlust. Und bis ich das erkannt hatte, war es
schon fast zu spät.
Nun werden Sie vielleicht sagen: Mein Gott, dann ist er halt verliebt.
Es hat nicht funktioniert, Schwamm drüber. Man hat nicht
zusammengepasst, so ist das Leben. Aber so einfach ist es nicht,
und ich werde mich bis zum letzten Atemzug mit allen mir zur
Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren, wenn irgendjemand
das so einfach abtun will. Denn dies ist die Geschichte von
perfiden Zusammenhängen mit fast schon taktisch anmutenden
Schachzügen, von gestörten Persönlichkeiten und absoluter Orientierungslosigkeit.
Sie erzählt vom Rausch einer schon perversen
magnetischen Anziehung zwischen zwei Menschen. So wunderschön
und gleichzeitig so hässlich wie die Fratze des Teufels, und
gerade diese Dualität ist es, die mich auch heute noch bis ins Mark
erschüttert. Denn wenn sie, das Objekt meiner Begierde, mich heute
noch kontaktiert oder ich auch nur annähernd Gefahr laufe, ihr
zu begegnen, dann fangen meine Hände an zu zittern, und in mir
beginnt sich der Strudel aus Schmerz, Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit
aufs Neue zu drehen.
„Hinfallen ist keine Schande, Junge. Aber Liegenbleiben.“ Das
gab mir mein Vater, Gott hab ihn selig, mit auf den Weg, als ich mit
vierzehn Jahren eine Ehrenrunde in der Schule drehen musste.
Doch hätte ich damals gewusst, wie wichtig diese Erkenntnis einmal
in meinem Leben sein würde, ich wäre trotzdem das Wagnis
eingegangen, welches die vergangenen zwei Jahre meines Lebens bestimmt hat. Denn es begann, wie große Romane beginnen. Mit
dem zarten Kennenlernen, mit unzähligen Nachrichten und Liebesschwüren.
Es verdichtete sich zu unfassbarer Leidenschaft,
grenzte an Verschmelzung und explodierte in brutalster Ablehnung.
Doch als sei das nicht genug, wiederholte sich dieser Kreislauf
von Annäherung, Fusion und Trennung wieder und wieder,
bis eben jene Schönheit und Unschuld der Liebe sich in eine ekelhafte
Fratze verwandelte, und die Geschichte an sich zur völligen
Parodie ihrer Selbst verkam. Wenn Er so unfassbar verliebt ist und
Sie ihn nur will, wenn sie ihn nicht haben kann, dann wird es nicht
nur kompliziert, sondern irgendwann richtig schmerzhaft. Wie
kann ich es noch erklären?
Nehmen wir an, ein Paar ist frisch verliebt. Sie ist einfach zauberhaft,
liebens- und schützenswert und vermittelt ihm den Eindruck,
dass sie bisher in Beziehungen stets nur schlecht behandelt
wurde. Ein scheues, junges Reh, bei dessen Anblick allein schon
sein Herz in Flammen steht. Und was tut er? Mit der rosaroten Brille
auf der Nase wird er natürlich alles tun, um diesem vom Leben
gepeinigten Wesen in Zukunft zu zeigen, wie schön es sein kann.
Er macht ihr den Hof, verwöhnt sie, ist gut zu ihr. Weil er nicht
anders kann. Weil er so ist, wie er ist. Der Ritter auf dem weißen
Pferd.
Wenn sie dann urplötzlich aus unerklärlichen Gründen aggressiv
und eiskalt wird, macht er einen Rückzieher, bevor es zu sehr
schmerzt. Und jetzt beginnt das Gefährliche: kaum ist er weg, setzt
sie Himmel und Hölle in Bewegung, um ihn zurück zu gewinnen.
Sie tut alles, verspricht alles, schwört alles. Sie ist wieder das verletzte
kleine Mädchen, und sie braucht ihn als weißen Ritter, fleht
ihn an wiederzukommen. Bis er zurückkehrt, weil er ihr glaubt.
Weil er denkt und hofft, dass es wirklich nur ein Fehler war. Wenige
Wochen bleibt er in dem Glauben. Bis sie das gleiche Verhalten
wieder an den Tag legt. Sie behandelt ihn mit einer Eiseskälte, die
ihm völlig unfassbar erscheint, mehr noch, sie flirtet mit anderen, beleidigt und beschimpft ihn auf das Übelste. Bis er wieder Reiß-
aus nimmt, weil er es nicht mehr aushält und erst recht nicht versteht.
Er will sie doch nur lieben. Und wieder beginnt der Reigen
von vorne: Verlockung, Flehen, Rückkehr, relative Ruhe, bis es
nach kurzer Zeit wieder knallt. Doch er ist so grenzenlos verliebt,
dass er ihr immer wieder glaubt. Immer und immer wieder. Bis er
keinen Ausweg mehr findet aus dieser Spirale. Weil er auf Teufel
komm raus schaffen will, was doch nicht zu schaffen ist. Er erniedrigt
sich selbst, um ihre Zuneigung zu erlangen. Und als ob das
noch nicht genug sei, setzt sie dem Ganzen noch die Krone auf,
indem sie ihn Glauben macht, es sei alles sein Fehler. Es interessiert
sie nur, DASS er weggegangen ist. Kein Wort davon, WARUM er
ging. Denn das würde ihr Verhalten spiegeln, und das ist das Letzte,
was sie will. Und sie ist so überzeugend, dass er nach kürzester
Zeit wirklich glaubt, dass es sein Fehler sei.
Mein Name ist Marc Schlesinger. So erging es mir.
Und das auf Kosten von all dem, was mir ein Leben lang lieb
und heilig gewesen war. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig,
finden jedoch ausnahmslos ihren Ursprung in zwei Begebenheiten:
in der alles verzehrenden Zuneigung zu einer Frau sowie meiner
Unfähigkeit, in dieser ganzen Geschichte die Realität zu akzeptieren.
Und wenn ich „alles verzehrend“ sage, meine ich es so, wie es
ist.
Ich habe die Frau verlassen. Zum Glück, wie ich mittlerweile
weiß, doch das macht es nicht besser. Denn wenn man trotz aller
Bemühungen und Opfer hilflos mitansehen muss, wie ein geliebter
Mensch an seinem eigenen Wesen zerbricht, dann ist das das Verstörendste,
was es gibt. Ich habe Freunde belogen und betrogen,
um mein Ziel verfolgen zu können. Ich habe meine Selbstachtung
verloren, bis auf einen kümmerlichen Rest. Und der reicht gerade
noch aus, um den Selbsterhaltungstrieb aufrechtzuerhalten, zumindest
für die meiste Zeit des Tages. Alles verloren.

 

DownloadEr hat die Vierzig überschritten, doch definiert er den Begriff „Alter“ anders als viele andere.

Der Ausweis verrät das Baujahr: 1971. Körperlich fühlt er sich meist Mitte Zwanzig, und den Aussagen vieler Wegbegleiter zufolge verhält er sich dann und wann auch mal wie Zwölf. Geschätzt wird er meist Anfang Dreißig, was sein Ego ungemein streichelt!

Frei nach dem Motto „Das Leben ist zu kurz, um es mit Dingen zu verschwenden, die mich nicht erfüllen“ reihen sich die verschiedensten Tätigkeiten aneinander. Busfahrer, Modellbauer, Bistrobesitzer und Netzwerkadministrator sind nur ein paar der Jobs, die er im Laufe der Jahre mit Leben gefüllt hat. Und seit gut zehn Jahren widmet er sich nun mit Hingabe der Erwachsenenbildung. Stets im Dienste der Menschen, die ihn umgeben, bevorzugt er alte Werte wie Treue, Loyalität und Gerechtigkeit. Was nicht bedeutet, dass er nicht gerne auch mal heftig polarisiert, um an den Kern der Wahrheit zu stoßen.

Die Liebe zum geschriebenen und gesprochenen Wort hat ihn durch all die Zeit begleitet. Von unveröffentlichten Kurzgeschichten, unzähligen (Liebes)gedichten und diversen Zeitungsartikeln bis hin zu seinem ersten Roman hat er sich stets verpflichtet gefühlt, die Schönheit unserer Sprache und deren unzählige Möglichkeiten in lesbarer Form zu verdichten.

Seine Wurzeln liegen im Rheinland, doch strapaziert er seit mehr als zwanzig Jahren die Autobahnen Europas, immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen, interessanten Menschen oder einem weiteren Kapitel dieses großen Abenteuers, das da Leben heißt. Einige bleiben an Bord, andere wählen irgendwann einen anderen Weg. Und wenn es ihm gelingt, Sie, liebe Leser, dann und wann ein Stück auf dieser Reise mitzunehmen, dann ist es ihm eine große Freude. Die innige Liebe zum Ruhrgebiet hat ihn dann doch vor nicht allzu langer Zeit mitten im Pott sesshaft werden lassen.

Wie immer gilt: Erlaubt ist, was gefällt, solange man den anderen nicht über Gebühr auf die Füße tritt.

 

 

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