Es schneit nicht im August von Gregor Schürer

Es schneit nicht im August von Gregor Schürer

* Tag 3 des Neujahrskalender / Text und Bilder Gregor Schürer*

1-aufl-2003-bod-norderstedt

 

Niko hat Mäuse, Niko hat Läuse
Oder: Wie das Shampoo in den Stiefel kam
von Gregor Schürer
„Niko hat Läuse, Niko hat Läuse!!“ der Chor der Kinderstimmen war laut und
wiederholte erbarmungslos den Satz. Niko stand in der Ecke, mit hochrotem Gesicht,
um ihn herum zehn Kinder, die alle mit dem Finger auf ihn zeigten. Weil er nicht
wusste, was er machen sollte, kratzte er sich am Kopf. Was die Sache noch
schlimmer machte, denn nun lachten sie ihn auch noch aus. „Ha, ha, Niko hat
Läuse…“ „Was ist denn hier los?“ mit dieser Frage kam Frau Bergdammer um die
Ecke. Die Betreuerin scheuchte die lärmenden Kinder zurück in ihre Gruppen und
beugte sich hinunter zu dem Fünfjährigen. „Na Niko, haben sie dich geärgert?“. „Ja
Sibylle“ antwortete er, „die sind so gemein zu mir.“ Dann fing er an zu weinen.
Im Kindergarten Spatzennest gab es seit letzter Woche mal wieder „Läusealarm“.
Eine der Mütter hatte mitgeteilt, dass im Blondschopf ihrer Tochter kleine
Krabbeltierchen gesichtet worden seien, also wurden alle Eltern informiert: Die
Kinder sollten Plastiktüten für ihre Mützen und Mäntel mitbringen, zur Sicherheit
sollten die Haare ausgekämmt werden. Außerdem könne vorbeugend ein
Läuseshampoo eingesetzt werden. Auch Niko hatte den Zettel mit den Informationen
natürlich zu Hause bei seiner Mama abgegeben. Die hatte ihm abends beim
Duschen wie immer die Haare mit einer Olivenölseife gewaschen. „Damit sie schön
glänzen“ – hatte sie Niko erklärt. Dann hatte sie versucht, mit einem Kamm durch
seine wilde, lockige Haarpracht zu kommen. Außer ein paar verdächtigen weißen
Pünktchen hatte sie nichts entdecken können. Die anderen Kinder erzählten an den
nächsten Tagen, dass ihre Mütter und Väter ihnen mit so einem komischen Shampoo
die Haare gewaschen hätten, das ein paar Minuten drauf bleiben musste und ein
bisschen merkwürdig roch. Das berichtete Niko am Nachmittag seiner Mutter. „So ein
Läuseshampoo kann ich nicht kaufen, dafür reicht unser Geld nicht. Weißt Du, die
Mama verdient als Küchenhilfe nicht so viel und die Unterstützung, die wir vom Amt
kriegen, brauchen wir für deine neuen Anziehsachen, Du wächst einfach zu schnell.“
„Aber ich will keine Läuse haben“ hatte er geantwortet. „Jetzt gib Ruhe. Sonst muss
ich dir die Haare eben ganz kurz schneiden.“
Frau Bergdammer nahm den schluchzenden Jungen in den Arm. „Ich mag keine
Glatze haben, Sibylle.“ „Du kriegst auch keine“ beruhigte sie ihn, „das wäre auch zu
schade um deine wunderschönen dunklen Haare.“
Ein paar Tage später bat Sibylle die Kinder, einen ihrer Gummistiefel vom Haken zu
holen, wo sie – mit Namen versehen – hingen und auf den Ausgang an matschigen
Tagen warteten. „Morgen kommt der Nikolaus und da darf jeder von euch einen
Stiefel hinstellen. Aber vorher müsst ihr ihn ordentlich sauber machen. Manche von
euch haben ja noch ganze Erdhügel unter der Sohle oder halbe Sandkästen innen
drin.“ Mit ihren Stiefeln bewaffnet gingen die Kinder nach draußen, wo es einen
Wasserhahn gab, dann bekam jedes Kind eine Bürste zum Schrubben und einen
Lappen zum Trockenwischen. Eine Stunde später standen die blitzblanken
Gummistiefel in Reih und Glied im Flur vor den Gruppenzimmern aufgestellt. Am
nächsten Morgen waren die Kinder beim Frühstück im Spatzennest ganz aufgeregt,
denn die Stiefel waren weg, über Nacht verschwunden! Die Betreuerinnen übten mit
den Kindern noch ein paar Lieder, um sie zu beruhigen und die Zeit bis 11 Uhr zu
überbrücken, denn für diese Stunde hatte sich der Nikolaus angesagt. Pünktlich um Elf wurden sie in die Turnhalle des Kindergartens geführt und da klopfte es auch
schon an der Tür. Herein kam ein großer Mann, der hatte so einen seltsamen Stab
dabei, einen langen Mantel an und ein Ding auf dem Kopf, das kein Hut war und
auch keine Mütze. Er sah ein bisschen aus wie der Papst, fand Niko, den hatte er
schon im Fernsehen gesehen, nur hatte der keinen Bart.
„Hoho Kinder“ dröhnte der Papst mit Bart, „ich bin der Nikolaus!“. Frau Greuter, die
Leiterin vom Spatzennest, begrüßte den Besucher und zunächst sangen alle Kinder
„Lasst uns froh und munter sein“. Dann setzte sich der Nikolaus auf einen bereit
gestellten Stuhl und die Kinder durften sich zu seinen Füßen auf den Boden hocken.
„Wisst ihr denn, was der Nikolaus hat?“ fragte er. „Geschenke!“ rief die vorlaute
Nathalie. „Ja, Geschenke gibt es später auch, wenn ihr brav wart. Der Nikolaus hat
aber auch etwas anderes. Nämlich….. Mäuse!!“ „Mäuse, wieso Mäuse?“ fragte Jens,
der nächstes Jahr in die Schule kam. „Weil es im Winter kalt ist. Und da verstecken
sich die Mäuse im Stall, wo die Rentiere wohnen, die meinen Schlitten ziehen. Mögt
ihr denn Mäuse?“ „Nein“ kreischte Svenja „ich hab Angst vor Mäusen!“. „Auch vor
solchen?“ fragte der Nikolaus und holte eine Box aus seinem Sack, in dem weiße
und rosa Speckmäuse drin waren. Nein, vor solchen süßen Mäusen hat kein Kind
Angst und jedes durfte sich eine Maus aus der Schachtel nehmen. „Es gibt aber
auch noch andere Mäuse. Manche sage auch Kröten, oder Knete oder Kohle.“ fuhr
der Nikolaus fort. Wieder war es der neunmalkluge Jens: „Du meinst Geld!“ „Ja,
richtig, und Geld gibt es für den Kindergarten, damit der Spielsachen für euch kaufen
könnt.“ Mit diesen Worten übergab der Nikolaus einen Umschlag an die strahlende
Frau Greuter.
„Ich habe aber nicht nur Mäuse“ seufzte der Nikolaus, „manchmal habe ich auch….
Läuse!“ „Echt?“ meinte die kleine Ida, „die haben wir auch grade.“ „Ja, ich weiß, das
haben mir die Betreuerinnen verraten.“ erklärte der Nikolaus. „Bei mir sind daran
wahrscheinlich auch wieder die Rentiere schuld. Ich denke, die Läuse springen von
deren Fell in den Bart“ Dabei kratzte er sich in seinem riesigen weißen Bart. „Aber
das ist nicht schlimm. Die gehen auch wieder. So wie bei euch. Jetzt aber genug von
Mäusen und Läusen. Jetzt wollen wir zu den Geschenken kommen.“ Dabei schaute
er zu Nathalie und kniff ein Auge zu. „Ich habe jedem von euch seinen Stiefel
gefüllt….“
Alle Kinder wurden nun einzeln nach vorne gerufen und jedes bekam seinen Stiefel,
in dem Süßigkeiten, ein Bogen Sticker und ein Becher mit bunten Würfeln drin war.
Als Niko an der Reihe war, neigte der Nikolaus seinen Kopf herunter und wisperte
ihm etwas ins Ohr. Niko hörte aufmerksam und lange zu und nickte. Als die anderen
Kinder ihn nachher fragten, was der Nikolaus ihm denn da zugeflüstert habe,
antwortete er nur: „Das ist unser Geheimnis“ und hielt seinen Gummistiefel den
ganzen Tag fest an sich geklammert.
Als die Mama ihn abholte, strahlte er sie schon von weitem an und sagte: „Ich habe
eine Überraschung für dich.“ Daheim packte Niko feierlich den Stiefel aus. Ganz
unten befand sich eine kleine Kunststoffflasche. „Die soll ich dir geben. Ich kann ja
noch nicht lesen, aber ich weiß trotzdem, was in der Flasche drin ist, weil mir der
Nikolaus das verraten hat: Läuseshampoo. Der Nikolaus hat nämlich auch manchmal
Läuse. Jetzt können wir heute Abend meine Haare mit dem Shampoo waschen und
Du musst mir keine Glatze schneiden.“ „Ach Niko“ schluchzte seine Mutter und nahm
ihn fest in den Arm. „Und ich weiß auch, warum Du weinst, das hat mir der Nikolaus
nämlich auch noch verraten. Das kommt, weil Du heute in der Küche so viele
Zwiebeln geschnitten hast.“
Ziemlich schlau, der Nikolaus. Und der Niko auch…

 

am-pult-im-haus-der-geschichte-im-herbst-2005

 

Biografie
Gregor Schürer, Freier Journalist & Autor
Bachstrasse 76
53474 Bad Neuenahr-Heimersheim
Telefon: 02641/26736
E-Mail: GSchuerer@t-online.de

 

 
Ich bin am 28. Juni 1957 in Baden-Württemberg geboren.
Seit 1991 lebe ich in Rheinland-Pfalz, bin verheiratet und habe zwei Töchter.
Ich bin bei der Bundesakademie für öffentliche Verwaltung in Brühl beschäftigt.
Neben meinem Hauptberuf als Ministerialbeamter schreibe ich seit vielen Jahren als
freier Journalist und Autor.
Ich habe zahlreiche Kurzgeschichten und Erzählungen in Büchern und Zeitungen
veröffentlicht. Meine Themen sind vielfältig, handeln von Glück und Unglück, Freude
und Trauer, Liebe und Hass – aber immer geht es um die Menschen.
Diverse Preise und Auszeichnungen (u.a. 2012, 2010 und 2009 Gewinner beim
Kunstpreis Lotto Rheinland-Pfalz).
Ich arbeite mit verschiedenen Musikern bei Lesungen zusammen
Weitere Informationen unter www.autorenhof.de

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.