DIE WAHREN HELDEN DIESER WELT

DIE WAHREN HELDEN DIESER WELT von T. Kelebek

(Tag 10 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder T. Kelebek)

 

Titelbild

 

KURZBESCHREIBUNG:
Ein herzerwärmendes Vorlesemärchen für kleine Kinder und große Erwachsene. Genau richtig für die winterliche „Kuschelzeit“!

„Haben die Menschen denn nicht alles was sie brauchen?“

Beunruhigt stellt der allmächtige Herrscher fest, dass auf seiner schönen Welt die Menschen immer unglücklicher werden. Da er sich diesen Umstand nicht erklären kann, holt er den kleinen Boten, damit er zur Erde reist und die Menschen beobachtet. Sogleich trifft er auf die Eitelkeit, die jedoch ihre eigene Art hat, den Menschen die Schönheit zu zeigen. Auch den Neid und den Zorn trifft er in bunter Gestalt an, doch weniger bunt sind die Lehren, die sie unter den Menschen verbreiten. Anfangs ist der kleine Bote ratlos. Wie soll er dem allmächtigen Herrscher die Situation auf der Erde schildern? Aufgeben kommt nicht in Frage und außerdem gibt es da auch noch die hilfreichen Engel mit ihren farbigen Wolken, welche mit ihrem Zauber in den Menschen Kräfte entfachen können, die eigentlich schon lange in ihnen schlummern…

Ein Märchen, erzählt wie damals, als noch richtige Märchen geschrieben wurden.

Leseprobe:
BEIM ALLMÄCHTIGEN HERRSCHER

Hoch oben über den Wolken wohnte der allmächtige
Herrscher der Welt in seinem prachtvollen Turm. Er
musste so hoch oben wohnen, damit er seine ganze
wundervolle Erde jederzeit, wenn es ihm danach
beliebte, überblicken konnte. Er war sehr stolz auf sein
Werk. Jeden Tag beobachtete er das bunte Treiben und
erfreute sich daran.
In letzter Zeit blickte der allmächtige Herrscher jedoch
traurig auf die Erde hinab. Es gefiel ihm nicht mehr, was
er dort sah. Mürrisch blickende Gesichter an jeder Ecke,
gelangweilte Kinder lungerten umher. Dafür sah er umso
mehr hektische Erwachsene, die die Straßen
entlangliefen, als wären sie auf der Flucht. Er konnte
nicht mehr die Freude des Lebens spüren. Die Heiterkeit
hatte sich wohl versteckt, auch die Gutmütigkeit ließ sich
nicht mehr blicken. Die Barmherzigkeit war schon lange
nicht mehr da und die Vernunft traute sich fast nicht
mehr gesehen zu werden.
Der allmächtige Herrscher schüttelte den Kopf, was war
nur mit der Welt geschehen? Hatten denn die Menschen
nicht alles, womit es sich gut zu leben lohnte? Er konnte
den Reichtum erkennen. Kostbare Schätze lagen in
greifbarer Nähe, doch den Leuten waren sie langweilig
geworden. Die Gesundheit begleitete sie auf allen Wegen und dennoch jammerten sie über jedes Ziepen
und jede kleine Überanstrengung ließen ihn ihre
Klagelaute vernehmen. Sie übertönten sogar die
Klagelaute der armen Tiere, die sie eingesperrt hielten
und achtlos ihren Tag überließen.
Nein, so konnte es nicht mehr weitergehen. Er musste
eine Lösung finden, sonst würde seine schöne Erde ein
Ort des Schreckens werden. So kam es, dass er den
kleinen Boten zu sich rief: „Kleiner Bote, du bist mein
getreuer Gefährte und bist mir immer gut zur Seite
gestanden. Mein Vertrauen in dich ist groß, denn auch
groß ist dein Herz und allein deine Schlauheit verlangt,
dass ich dich zur Lösung dieses Rätsels auf die Erde
schicke. Ich weiß, dass du herausfinden wirst, was die
Menschen so plagt und ihnen das Leben so sehr schwer
zu machen scheint. Die Dringlichkeit hat allerhöchstes
Ausmaß erreicht und so bitte ich dich, als letzten
Ausweg, bringe mir schnell Antworten, damit wir die
Menschen auf der Erde noch retten können.“
So begab sich der kleine Bote auf seine Reise. Als
Lichtgestalt sollten ihn die Menschen nicht erkennen.
Nicht einmal fühlen sollten sie ihn. Heimlich wollte er sie
beobachten, hinter das große Geheimnis ihres Unglücks
kommen.
Der kleine Bote wusste nicht, was ihn erwartete. Fast
verließ ihn der Mut, als er endlich auf der Erde
angekommen war. Seine leuchtenden Zehenspitzen
berührten die ersten Grashalme und die Sonnenstrahlen
kitzelten seine Schultern. Bunte Blätter wiegten sich
sanft im Wind. Prächtige Farben soweit das Auge blickte. Welch Schönheit diese Erde bieten konnte. Er
hielt kurz inne und atmete ein Stück davon ein.

DIE EITELKEIT
Lautes Gezeter riss den kleinen Boten aus seinen
Träumen. Erschrocken drehte er sich um und sah zwei
hübsche Mädchen laut schreiend in einem Hof auf und
ab laufen. Sie zerrten sich an den Haaren und an den
Röcken. Hühner flatterten auf und scheuchten davon.
Die Mädchen stießen sich an, sie pöbelten wie die
schlimmsten Wirtshausbrüder. An einem Eckpfeiler im
hintersten Winkel des Bauernhofes lehnte eine gar
seltsame Federgestalt, die schier amüsiert das Treiben
beobachtete. Das hämische Grinsen war nicht zu
übersehen, obwohl ansonsten die Gestalt einen sehr
gepflegten Eindruck machte. Das bunte Gefieder
schillerte nach allen Seiten, es war wunderbar
anzuschauen. Einzig der kräftige Schnabel konnte
bestimmt böse Wunden zufügen und das boshafte
Gelächter der Gestalt ließ auch keinen Zweifel daran,
diesen zu gebrauchen.
Neugierig geworden, ging der kleine Bote auf die
Federgestalt zu. Mit langsamen Schritten, um
niemanden zu erschrecken. Doch der kleine Bote war
bereits entdeckt worden. Von oben herab musterte ihn
die Gestalt mit einem kurzen, unfreundlichen Seitenblick
und krähte sogleich: „Was suchst du hier in meinem
Hof?“ „Ich bin der kleine Bote. Ich habe mich auf die
Reise gemacht, um die Menschen besser verstehen zu lernen. Und wer bist du?“ Die Federgestalt erwiderte
nicht ohne Stolz: „Ich bin die Eitelkeit. Ich bin hier, damit
die Menschen wissen, was Schönheit bedeutet.“ Der
kleine Bote freute sich, dass diese Gestalt die Menschen
dazu brachte, die Schönheit der Erde zu erkennen: „Also
bist du hier, um diesen beiden Mädchen Einhalt zu
gebieten? Damit sie sich umsehen und entdecken wie
schön es hier ist?“ Die Federgestalt lachte laut gackernd.
Oh wie sie sich schüttelte und dabei ihre bunten
Gefieder rascheln ließ: „Durch mich ist der Streit erst
entstanden. Ich habe den Mädchen ihre eigene
Schönheit erkennen lassen und nun haben sie nur noch
Augen für ihr eigenes Spiegelbild. Eine will schöner als
die andere sein.“ Der kleine Bote sah, wie die Mädchen
aufeinander losgingen, sich am Boden wälzten und ihre
hübschen Gesichter gegenseitig in den Schlamm
drückten.
Der allmächtige Herrscher musste unbedingt sofort
erfahren, dass die Eitelkeit schuld an den Ärgernissen
der Erde hatte und der kleine Bote rannte zu der
Lichtung, wo er zuerst angekommen war. Da tönte ein
Hilfeschrei aus dem Wald. Nur Umrisse waren von der
Lichtung aus zu erkennen und so musste der kleine Bote
näher an den Waldrand gehen, um nachsehen zu
können…

 

 

ÜBER DEN AUTOR:
T. Kelebek wohnt mit ihrem Mann und den beiden Kindern einem kleinen Häuschen an einem grünen Stadtrand.
Gerne ein Mail an: t.kelebek[at]gmx.at Like me on Facebook / Twitter