Der zweite Sieg Autobiografie von Alois Steiner

Der zweite Sieg Autobiografie von Alois Steiner

( Tag 17 des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder Alois Steiner)

 

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Prolog
Der Wunsch, einmal im Leben mit dem Rad von Bremen nach Österreich zu fahren, gärte in mir schon
über mehrere Jahre. Darüber braucht man nicht gleich ein Buch schreiben. Ein Schicksalsschlag aber,
oder gleich eine ganze Prügelattacke geben meist den nötigen Anlass dazu. So wie bei mir.
Ich werde den Blick nicht vergessen, als er sich zu mir runter beugte und mit seinen ölverschmierten
Fingern leise murmelnd meinen Kopf und meinen kleinen Körper mit Zeichen beschmierte. Es war nichts
Sakrales oder Andächtiges in seinem gequält lächelnden Gesicht zu erkennen, eher etwas
Vorwurfsvolles. Ich kann ihn ja auch verstehen, jetzt ist er schon das dritte Mal gekommen. Es steht
aber auch nirgends geschrieben, dass man danach zu sterben hat. Ich habe damals auch noch nicht
eingesehen, meinen kleinen Löffel schon vorzeitig abzugeben, ohne dass ich die Möglichkeit hatte,
wenigstens einmal meine eigene Suppe auszulöffeln zu können.
Diese Zeremonie nannte man damals „Letzte Ölung“, heute sagt man „Krankensalbung“ dazu. Am
liebsten hätte ich zu ihm gesagt: „Lass die Ölkanne einfach hier stehen, vielleicht brauch ich sie ja noch
mal, dann brauchst du sie nicht immer mit dir rumzuschleppen.“ Das war 1952 und ich lag mit einigen
kurzen, voller Hoffnung erfüllten Unterbrechungen schon das dritte Jahr nach der Geburt in der
Kinderklinik. Diagnose: Leukämie.
An meine Kindheit kann ich mich kaum erinnern, einige Situationen werden mir aber das ganze Leben
lang in Erinnerung bleiben. Ich bin gemeinsam mit meinem Bruder, der drei Jahre älter ist, in einem
Arbeiterviertel, mit vielen kinderreichen Familien aufgewachsen. Wenn ich zum Spielen in den Hof
wollte, musste ich 72 Stufen runter. Wir wohnten im dritten Stockwerk. Meine Mutter gab mir aus einem
ganz besonderen Grund immer ein Kissen mit. Wenn ich mich über irgendetwas tüchtig geärgert hatte,
fiel ich einfach um und wurde bewusstlos. Dann legten mich meine Spielkameraden oder die Nachbarn
auf das Kissen, und irgendwann wurde ich wieder wach und schlurfte mit meinem Kissen unterm Arm
weiter zum nächsten Aufreger.
Dieses Phänomen ebbte ihm Laufe der Jahre ab, und ich konnte ein ganz normales Leben führen.
Jetzt, 58 Jahre später – wir schreiben mittlerweile das Jahr 2010 – halte ich das Werkzeug immer noch
fest in der Hand und habe mit ihm im Laufe der Zeit schon einige Teller Suppe ausgelöffelt.

 

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 Es ist eine Autobiographie über mein Leben, das mit einer schweren Krankheit begann, die irgendwann dochüberwunden schien.
Leider wurde ich nach ungefähr 40 Jahren auf grausame Weise wieder damit konfrontiert.
Bei irgendeiner der unzähligen Blutübertragung (um die Leukämie zu bekämpfen, und mein kleines Leben zu 
retten) schleuste sich dabei auch der Virus ein, den man 1994 bei einer Routineuntersuchung erst entdeckt. 
Es war Hepatitis C.
 Bis 2010 verhielt sich der Virus einigermaßen moderat, brach aber im Frühjahr desselben Jahres aus.
Von dem Tag an hat sich mein Leben und das meiner Familie, grundlegend geändert.
Die Ärzte versuchten den Virus zwei Jahre lang, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen.

Ich spielte dabei nur noch eine untergeordnete Rolle. 
 2012 im Mai war es endlich so weit. 
Körperlich und seelisch mit zwei überstandenen Herzinfarkten auf dem Nullpunkt angelangt,
hatte ich diese Tortour überstanden.
Da es schon immer mein Wunsch war, einmal wenigstens, mit dem Rad nach Österreich zu fahren,
raffte ich meinen ganzen Willen zusammen, von dem ich immer mehr besaß,
als mein Körper vertragen konnte, und arbeitete an mir, was das Zeug hergab.
 Unterwegs merkte ich allmählich, dass ich aus einem ganz speziellen Grund diese Strapazen auf mich genommen hatte.
Mir wurde bewusst, dass ich den Virus mit meinen eigenen Waffen auch schlagen wollte und musste.
Medikamentös wurde er schon besiegt, ich aber musste ihn noch mal mit meinem Willen vernichten.
Ob ich tatsächlich eine Krankheit besiegt habe, das weiß ich erst dann, wenn ich gesund gestorben bin.
Aber die Zeit bis dahin, die kann man mit einem starken Willen angenehmer verbringen.
Das ist der Ablauf.
Natürlich habe ich das Erlebte auf meine eigene sarkastische Art geschildert
und mit meinem Galgenhumor teilweise lächerlich dargestellt.

 

 

 


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