Das Feuer des Mondes von Christian und Florian Sußner

Das Feuer des Mondes von Christian und Florian Sußner

* Tag 8 des Neujahrskalender / Text und Bilder Christian Sußner*

 

Leseprobe:

„Eher wird ein Hagol tanzen lernen, als dass dieser Narr einen
Fehler zugibt!“ Wilhelms Gesicht hat die Farbe des Rotweines
angenommen, den er so gerne trinkt. „Mörder und Monster
schleichen durch die Stadt, und wir bekommen nicht einmal
neue Hellebarden! Ich habe im Stadtrat nur ausgesprochen, was
jeder gute Nachtwächter denkt.“
Seit er den Stadtverweser Bezilor öffentlich als Wurzelgnom bezeichnet
hat, ist dein Onkel Wilhelm vom Dienst ausgeschlossen
– nicht zum ersten Mal. Zu gerne legt er sich mit den Stadtoberen
an.
Du reichst ihm ein Stück Brot. „Sind das dieselben Monster, die
nachts in den Wäldern Reisende überfallen?“ Wie erwartet, lässt
sich dein Onkel von seiner Wut ablenken. Einem eifrigen Zuhö-
rer konnte er noch nie widerstehen. Du liebst die Erzählungen
deines Onkels seit deiner Kindheit.
Die Flammen werfen bizarre Gebilde an die Steinwand und erwecken
im Dämmerlicht des einbrechenden Abends die Fabelwesen
zum Leben, von denen die Geschichten Wilhelms handeln
– Hexen, Kobolde, Riesen und Lahme Dämonen. Dein alter
Onkel legt ein Scheit in das Feuer. Funken tanzen im Kamin der
engen Stube, in der ihr die Mahlzeit vor deinem Dienst als
Nachtwächter einnehmt. Wilhelm beginnt mit Worten, wie du
sie schon oft gehört hast.
„Waldheim im Lande Anmar. Unsere Stadt grenzt im Norden an
den finsteren Wald Kalrir und im Süden an die geheimnisumrankten
Urwälder der Fei. Warum hier Wald und Dschungel so
dicht beieinander wachsen: ein altes Wunder unserer Heimat.“
Wilhelm streicht sich durch den struppigen grauen Bart, den er
hat, solange du ihn kennst.
„Waldheim. Alleinige Bastion gegen das Dunkel entlang der
Großen Handelsstraße, die das Westreich Anmars mit dem Ostreich
verbindet. Auf dem Weg durch die Wälder gibt es sonst
nur wenige befestigte Siedlungen und ein paar Gasthöfe, die
nachts die Türen verrammeln. Tagsüber sichern Patrouillen des
Königs die Handelsstraße, doch auch sie ziehen sich bei Sonnenuntergang
in die Sicherheit der Stadt und der Gasthöfe zurück.
Auch sie fürchten, was nach Einbruch der Dämmerung
aus den Wäldern gekrochen kommt.“ Im Feuer knackt heißes Holz.

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Mörder und Monster schleichen durch die Stadt, und wir bekommen

nicht einmal neue Hellebarden.“

 

 

 

 

 

Wilhelm lässt den Löffel sinken und beugt sich in deine
Richtung. Seine Stimme ist nurmehr ein heißeres Flüstern.
„Unheimliche Geschichten hört man. Das Grauen, das sich im
Norden eingenistet haben soll. Dort ist seit Wochen mitten im
Sommer tiefster Winter. Du hast doch von Kandal dem Jäger gehört.
Er prahlte damit, im Nordwald Kalrir Hexen und Vampire
töten zu wollen. Nach einer dunklen Neumondnacht fand ich
seinen Leichnam am Wegesrand. Er war kurz vor den Toren der
Stadt an einen Baum genagelt worden. Statt seiner Augen hatte
er zwei blutige Höhlen.“ Wilhelm sieht dich mit aufgerissenen
Augen an und beißt von einer Brotkante ab. Du kannst dir ein
Lachen nicht verkneifen: So gerne Wilhelm seine Geschichten
erzählt, so theatralisch verhält er sich dabei.
Das letzte Licht des Tages schwindet. Du ziehst deine Stiefel an,
setzt deine Lederkappe auf und legst dir deinen weiten schwarzen
Mantel mit dem Wappen der Stadt Waldheim um – zwei gekreuzte
Äxte, unterlegt mit dem Blau der Nachtwache.
„Ohne dich wird es eine lange Nacht“, sagst du zu Wilhelm, der
dir bei deinen Vorbereitungen zusieht. Er ist der Mann, dem du
alles verdankst: Er nahm dich auf, als du niemanden mehr hattest,
bildete dich zum Nachtwächter aus, lehrte dich sogar Lesen
und Schreiben.
Du nimmst den Schlüsselbund, die Öllaterne, das schwere Signalhorn
und die Hellebarde. Im Hinausgehen rufst du deinem
Onkel einen letzten Gruß zu und gehst in Richtung Westtor, nur
begleitet von den hallenden Geräuschen deiner Absätze auf
nacktem Pflasterstein.
Du verscheuchst die düsteren Gedanken von Wilhelms Streit
mit Bezilor und legst die letzten Schritte zum Tor zurück. Es ist
sorgfältig verschlossen. Du weißt, dass es erst bei Sonnenaufgang
wieder geöffnet wird. Von dort wendest du dich nach Norden.
Du gehst durch die schmale Gasse zwischen der hohen
Stadtmauer und den zweistöckigen Häusern der Schuster und
Weber und an der Schenke „Zum Henkersknecht“ vorbei. Entlang
der dreistöckigen Fachwerkhäuser der reicheren Bürger
gelangst du bis hinauf zum Marktplatz, der verlassen vor dir
liegt. Außer ein paar Betrunkenen, die du nach Hause schickst,
geschieht die Nacht hindurch nicht viel.

Doch als die ersten Sonnenstrahlen des Tages über Waldheim
scheinen und das Ende deiner Schicht ankündigen, hörst du jemanden
schreien: „Nein, niemals werde ich … oh nein, das ist …
das kann nicht sein, das ist unmöglich … wer seid Ihr? Nein!
HILFE! Neeeeiiinn!“ Die Stimme überschlägt sich und erstickt
dann in einem Röcheln.
Über dir hängt tief die Sichel des zunehmenden Mondes. Er
taucht die Stadt in seinen silbernen Schein, der sich mit dem ersten
Licht des neuen Tages mischt.

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Die Autoren:

Christian und Florian Sußner
sind, genau wie ihre Schwester
Julia, am 11. Dezember 1979 in
Erlangen geboren. In ihrem
Spielbuch „Das Feuer des
Mondes“ schlüpft der Leser in
die Rolle eines jungen Nachtwächters,
dessen Welt von
bösen Zauberern und Dämonen
bedroht ist. Mit eigenen
Entscheidungen beeinflusst der Leser den Fortgang des Abenteuers.
Christian kümmert sich um Unternehmen, Tore und Körbe. Er wohnt in
Stuttgart.
Florian arbeitet mit Existenzgründern, Tänzern und Schauspielern. Er lebt in
Nürnberg.

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