Chronik von Chiara von Nico Weinard

Chronik von Chiara von Nico Weinard

( Tag 22  des Autoren-Adventskalender 2014 / Text und Bilder Nico Weinard)

 

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LESEPROBE:

»Unglaublich«, murmelte Chiara. Sie standen in der Eingangshalle des Hauses und Chiara blickte auf die Vielzahl von Gemälden, welche die Wände verzierten. Dazwischen befanden sich immer wieder Statuen, Skulpturen und Vasen auf reich verzierten Podesten. Chiara kannte einen ähnlichen Luxus aus der Burg von Levaque. Aber hier, in einem kleinen Dorf, hätte sie so etwas nie erwartet. »Was macht Werburg beruflich?«
»Er ist Goldschmied.«
»Er muss sehr gut darin sein, wenn er sich all dies leisten kann.«
»Er gehört sogar den Danistakraten an. Das ist die Elite aller Goldschmiede im Land.«
Jetzt fiel Chiara erst auf, dass sie ganz alleine in dieser riesigen Eingangshalle waren. »Gibt es hier kein Personal?«
»Doch, aber die meiden mich, so gut es geht. Kaum ein Mensch möchte etwas mit Vampiren zu tun haben. Lass uns hoch zu Gerson gehen. Dann werden die Feiglinge hier bestimmt wieder aus ihren Verstecken kommen.« Er führte sie eine Treppe nach oben und klopfte an eine Tür. Kurz darauf wurden sie hereingebeten.
Vor ihnen saß ein dicker Mann. Die schwarzen Haare lichteten sich bereits, was ihm eine hohe Stirn verlieh. Er hatte einen kunstvoll geschwungenen Schnauzbart, der von seinem Doppelkinn ablenkte. Die grau-grünen Augen machten einen scharfsinnigen Eindruck. Er trug helle Kleidung aus Seide und hatte einen goldenen Ring an jedem Finger.
»Das ist Chiara«, stellte Nesnjak sie vor. »Sie ist Vampir, wie ich.«
»Interessant.« Der Dicke faltete die Hände. »Einen weiteren Vampir kann ich gebrauchen. Möchtest du für mich arbeiten?«
Chiara fühlte sich überrumpelt. Sie wusste noch nicht einmal, um was für eine Art Arbeit es hier gehen sollte. Ein Gefühl sagte ihr, dass Nesnjak zu einem Gegner werden könnte, wenn sie ablehnte. »Ja. Was ist zu tun?«
»Das wird dir Nesnjak erklären.« Gerson winkte ab. »Die wichtigste Regel aber gleich vorweg: Es wird niemand getötet, ohne dass ich mein Einverständnis dazu gegeben habe. Ihr bekommt euer Blut immer von uns ausgehändigt. Nun lass dir ein Zimmer zuweisen.« Gerson sah sie abschätzend an. »Ich werde dir andere Kleidung bringen lassen.«
Nesnjak verließ das Zimmer und Chiara folgte ihm.
»Ich werde eine Bedienstete rufen, damit du ein Zimmer bekommst«, meinte Nesnjak , nachdem er die Tür geschlossen hatte. »Es wird dir guttun, in einem richtigen Sarg zu schlafen. Du siehst aus, als hättest du dich den Tag über in die Erde eingegraben.«
Der Vampir grinste. Chiara fiel in das Lächeln mit ein. Hoffentlich merkte Nesnjak nicht, wie nah er mit seiner Vermutung an der Wahrheit lag.
»Hey, Klymene«, rief er. Keine Antwort. »Es dauert immer etwas, bis sich die Menschen zu uns trauen«, erklärte er Chiara. »Gehört hat sie mich bestimmt, weil sie mich von irgendeinem Versteck aus beobachtet.« Dann rief er wieder nach der Bediensteten.
Ein Mädchen kam die Treppe nach oben. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Trotzdem konnte Chiara in ihren Augen lesen, dass Klymene lieber an jedem anderen Ort der Welt gewesen wäre als hier.
Sie war etwas kleiner als Chiara und hatte eine zierliche Figur. Lange, dunkelbraune Haare umrahmten das hübsche Gesicht. Die braunen Augen blickten immer wieder zwischen Chiara und Nesnjak hin und her. Es schien, als würde sie bei einer falschen Bewegung sofort die Flucht ergreifen.
»Bring sie in eines der freien Zimmer«, befahl Nesnjak. »Ein Zimmer mit Sarg. Dann bringst du ihr Kleidung. Danach kannst du dich wieder deinen anderen Aufgaben widmen.«
»Ja, Herr.« Ihre Stimme klang irgendwie zerbrechlich. Sie drehte sich zu Chiara. »Wenn Ihr mir bitte folgen wollt, Mylady.«
Mylady? Der Letzte, der sie so genannt hatte, stand nun auf ihrer Todesliste ganz oben. Nun gut, dieses verschüchterte Mädchen wollte nur höflich sein. Chiara verabschiedete sich von Nesnjak und folgte der Bediensteten.
Klymene führte sie die Treppe nach unten, ohne sich ein einziges Mal zu ihr umzudrehen.
»Wohin bringst du mich?« Chiara hielt es für das beste, ein Gespräch zu beginnen.
»Keller.« Sie wartete vergebens darauf, dass die Bedienstete weitersprach, doch die war zu eingeschüchtert.
Die beiden gingen eine weitere Treppe nach unten und kamen in einen Raum, der mit Matten ausgelegt war. An den Wänden hingen verschiedene Waffen und Schilde. Es musste sich um einen Übungsraum für die Kämpfer handeln. Klymene beschleunigte ihre Schritte und führte sie zu einem Gang, der rechts und links an einer Tür endete.
»Das hier ist Euer Quartier, Mylady.« Sie zeigte nah rechts, hielt den Blick aber gesenkt. »Euch gegenüber wohnt Herr Nesnjak. Ich werde Euch nun Kleidung bringen. Habt Ihr bestimmte Wünsche?«
»Lass diese geschwollene Redensart.« Chiara setzte ein, so hoffte sie, warmes Lächeln auf. »Ich bin Chiara.« Vorsichtig berührte die Bedienstete die angebotene Hand. »Bring mir bitte einfach, was ihr an Kleidung übrig habt. Es wäre super, wenn ich endlich aus diesem Rock herauskommen könnte.«
Klymene starrte sie fassungslos an. Dann nickte sie und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Chiara betrat ihr zugewiesenes Quartier. Außer dem Sarg enthielt der Raum keinerlei Einrichtungsgegenstände. Er war anscheinend als reine Schlafstelle gedacht. Sie hatte noch nie in so einem Ding geschlafen. Als sie noch die Gefährtin von Levaque gewesen war, hatte sie tagsüber in einem abgedunkelten Zimmer in einem normalen Bett geschlafen. Während ihrer Zeit im Wald hatte sie in Höhlen Schutz vor der Sonne gefunden oder sich einfach ein Loch in die Erde gegraben. Nun ja, Särge gehörten wohl zu den Dingen, die sie ausprobieren musste. Heute würde sie zum ersten Mal in einem schlafen.

Chiara öffnete die Augen. Alles um sie herum war schwarz. Der Sarg war geschlossen und es herrschte völlige Dunkelheit. Es war ein herrliches Gefühl. Chiara fühlte sich so frisch wie schon lange nicht mehr. Von nun an würde sie in Särgen schlafen, so oft es ging. Für einen Moment genoss sie noch die Schwärze, dann öffnete sie den Sarg und stieg hinaus.
In ihrem Zimmer befand sich nun ein Stuhl, auf dem mehrere Stapel mit Kleidung lagen. Chiara hätte am liebsten vor Freude laut aufgelacht. Endlich wurde sie den Rock und die Weste los! So schnell sie konnte, zog sie sich aus. Ob sie die Sachen  verbrennen sollte? Lust dazu hätte sie. Sie ging zum Stuhl und inspizierte den Stapel: Unterwäsche. Chiara bekam Glückgefühle. Wie lange war es her? Monate? Ein halbes Jahr? Seidene, spitzenbesetzte Unterwäsche in fast durchsichtigem Schwarz. Ein schwarzes Mieder mit Spaghettiträger und eine Lederhose. Klymene hatte Geschmack. Chiara zog sich an und fühlte sie wie neu geboren.
Jemand klopfte an ihre Tür. Es war Nesnjak. Der Vampir betrat ihr Quartier und nahm sich einen Moment, um sie von oben bis unten zu mustern. Chiara störte das nicht. Seit langer Zeit fühlte sie sich endlich wieder attraktiv.
»Der Schlaf hat dir gut getan. Der Schnitt an deiner Wange ist weg.«
Chiara griff sich an die Stelle, an der die Wunde gewesen war. Sie war verheilt. Anscheinend musste man in einem Sarg schlafen, um sich zu regenerieren. Wieder etwas, das sie sich unbedingt merken musste.
»Hier ist deine Ration.« Nesnjak überreichte ihr drei Phiolen mit Blut. Es waren dieselben Fläschchen, die sie im Kerker von Levaque bekommen hatte. Chiara öffnete die erste Phiole und trank den Inhalt mit einem Zug aus. Es handelte sich vielleicht um dieselben Gefäße wie die aus dem Kerker, aber der Inhalt war definitiv ein anderer. Es war eindeutig frisches Menschenblut.
»Ich werde dir unseren Bereich zeigen«, erklärte der Vampir, »also den Bereich im Haus, in dem wir uns aufhalten sollen. Dann kann ich dir einiges zu unseren Aufgaben erzählen. Wenn du willst, können wir dann mit deiner Ausbildung beginnen.«
»Gerne.« Chiara konnte es kaum erwarten, so viel Wissen wie möglich in sich aufzusaugen.

 

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Nico Weinard wurde 1976 in Frankfurt am Main geboren. Als Jugendlicher entdeckte er seine Vorliebe für die Musikrichtungen Heavy Metal und Gothic, denen er sich heute noch verbunden fühlt. Im Jahre 2000 gründete der gelernte Industriekaufmann seine eigene Booking Agentur und war sieben Jahre lang als Tourmanager und Lichttechniker mit diversen Künstlern unterwegs.  Heute lebt er zusammen mit seiner Frau und einem Sohn auf der schwäbischen Alb.


Kommentare

Chronik von Chiara von Nico Weinard — 1 Kommentar

  1. Liebe Sonja,

    du hast vor einigen Tagen auf meinem Blog bei meinem Weihnachtsgewinnspiel mitgemacht. Ich darf dir gratulieren, du hast das Buch „Saubande“ gewonnen. Bitte schicke mir doch deine Kontaktdaten an knuddelbacke85@gmx , damit ich dir das Buch bald zuschicken kann.

    http://marylouloves.blogspot.de/2014/12/der-gewinner-des-weihnachtsgewinnspiels.html

    Ich wünsche Dir ein schönes Weihnachtsfest und viel Spaß beim lesen

    Liebe Grüße
    Mary

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